Schief hängt die Gangway zwischen Kai und Schiff, ein schmaler Steg. Das Tau zum Festhalten ist aus Kunststoff und ölverschmiert. Ulf Christiansen stapft an Bord der Torge S und schüttelt dem wachhabenden Filipino gleich mal die Hand. Der lächelt unsicher, sein Gesicht lugt aus dem Halsausschnitt des TShirts hervor, das er sich als Sturmhaube über die Wollmütze gezogen hat. Wie ein Wüstennomade sieht der Seemann aus in seiner Vermummung, nur dass seine Wüste kalt und nass ist. Unter den Füßen zittert der Stahl vom steten Dröhnen der Schiffsmaschine. Ob er denn jeden Monat sein Geld kriege, fragt Christiansen den Filipino auf Englisch. Wie viel genau? Und klappt es mit dem Heimschicken der Heuer nach Manila? "350 Dollar", sagt der Decksmann mit leiser Stimme. Und verbessert sich rasch: Mit Überstunden seien es 900. Alles "okay, okay".

Der Filipino spricht in sein Handfunkgerät, dann kommt von drinnen der deutsche Kapitän. "Die ITF!", ruft er leicht genervt. Gern dürfe Christiansen seine Broschüren in den Essraum legen. "Aber halten Se mir nich’ die Leute vom Arbeiten ab." Das Wetter sei schlecht gewesen bei der nächtlichen Überfahrt von England, kein Gedanke an Schlaf, noch heute gehe es über Antwerpen auf Fahrt nach Kolumbien.

ITF, das steht für International Transport Workers Federation. Christiansen ist im Hamburger Hafen das Gesicht dieser einzigartigen Gewerkschaft, die so global ist wie ihre Branche. Die ITF schafft bei den Seeleuten, was sonst in der Welt der Arbeit niemand schafft: einen internationalen Tarifvertrag. Zwar haben auch in der Schifffahrt in den vergangenen Monaten viele ihren Job verloren. Weil die Heuerverträge meist nur über einige Monate laufen, ging das sogar besonders einfach. Doch gerade in der Krise zeigt die ITF Flagge. Dieser Tage inspizieren ITF-Leute im gesamten Ostseeraum Schiffe, vom deutschen Rostock bis zum finnischen Turku, "Action Week" heißt das. Und Ende des Monats wird in Manila über die auf allen Ozeanen gültigen Mindestlöhne verhandelt. Die Reeder verlangen acht bis zehn Prozent weniger, sie leiden unter der Konjunkturflaute, manche fahren Millionenverluste ein. Weltweit geben insolvente Eigner ihre Frachter einfach auf. Allein in diesem Monat half die ITF drei Besatzungen, die in Marokko, Panama und Neuseeland festsaßen, in ihre Heimat zurückzukehren.

Stellt sich ein Reeder stur, löschen Hafenarbeiter die Ladung nicht

Die Torge S ist bemannt mit Filipinos, fährt unter der Flagge des Karibikstaats Antigua und Barbuda, gehört der Reederei Schepers in Elsfleth an der Weser. Einen Tarifvertrag hat sie nicht. Wer auf einem solchen Schiff unterwegs ist, das aus steuerlichen Gründen in einem Zwergstaat am anderen Ende der Welt unter einer sogenannten Billigflagge registriert ist, mit einer aus Niedriglohnländern zusammengewürfelten Mannschaft, alle paar Tage in einem anderen Hafen und einem anderen Land, der ist von nationalen Arbeitnehmervertretern nicht zu erreichen – normalerweise. Die ITF-Inspektoren aber kommen unangemeldet an Bord, prüfen die Heuer, schauen in den Vorratskammern der Kombüsen nach vergammeltem Gemüse. Und sie tun das in Hamburg, in Rio de Janeiro, in Yokohama. Mit Erfolg.

Ein stattliches Drittel aller Schiffe mit Billigflagge hat die ITF in den Tarifvertrag geholt, 235.000 Seeleute sind das – gut ein Zehntel mehr als noch vor zwei Jahren. Und dies in einer Schlüsselbranche: 90 Prozent des Welthandels nehmen den Seeweg. Kein Computer gelangt auf einen Schreibtisch, ohne dass Seeleute ihren Anteil daran hätten. Deutsche Reeder besitzen weltweit die meisten Containerschiffe – mit Abstand. Mehr als 1600 waren es im vergangenen Jahr, insgesamt sind auf allen Meeren gut 4700 unterwegs. Zählt man auch die Tanker und Schüttgutfrachter hinzu, ist die deutsche Handelsflotte die drittgrößte der Welt. Nun drückt die Wirtschaftskrise die Frachtpreise. Vor Shanghai und Hamburg ankern leere Frachter, weil es nichts mehr zu transportieren gibt. Gleichzeitig laufen in den Werften die vor Jahren georderten neuen Schiffe vom Stapel. Die gerade noch vom Boom verwöhnte Branche kriselt. Auf Dauer geraten so auch die Arbeitsbedingungen der Seeleute unter Druck. Sie sind die Handlanger der Globalisierung. Aber sie sind nicht allein.

Der ITF-Inspektor Christiansen auf der Torge S lässt sich Zeit. Legt seine Broschüren im Mannschaftsraum aus. Erzählt vom örtlichen Seemannsklub, dem "Duckdalben". Der Kapitän, der den Gewerkschafter keine Minute aus den Augen gelassen hat, wird ungeduldig und lässt ihn allein die steilen Treppen in Richtung Ausgang runterklettern. Christiansen biegt zweimal ab und spricht wieder einen Seemann an. Der findet zwar auch alles "okay, okay", hätte aber doch gern eine Telefonnummer der ITF. Das Kärtchen lässt er gleich in der Tasche seines Overalls verschwinden. "Der ITF-Bazillus ist an Bord", wird Christiansen später sagen. Dem übermüdeten Kapitän will er jetzt keinen Ärger machen. Er meldet einfach in der Datenbank der Gewerkschaft, dass auf dem Schiff nach Angaben der Seeleute deutlich weniger als die im Tarifvertrag inklusive Überstunden verlangten 1383 Euro für einen Decksmann gezahlt werden. Er will dem Reeder einen höflichen Brief schreiben. Und er weiß, dass die Torge S jetzt zwar auf den Ozean verschwindet – aber irgendwann wieder in Hamburg anlegen wird.