Homann: Was heißt ungerecht?

Hengsbach: Sagen wir es neutraler: ungleich. Ihre Argumentation, Herr Homann, geht davon aus, dass die Chancen im marktwirtschaftlichen System mehr oder minder gleich sind. Aber das ist nicht so! Im Kapitalismus entsteht die Wertschöpfung durch die Inanspruchnahme von vier Ressourcen: Arbeitsvermögen, Naturvermögen, Geldvermögen und Gesellschaftsvermögen, also die öffentlichen Vorleistungen. Bei der Verteilung der Wertschöpfung jedoch werden die Kapitalgeber bevorzugt.

ZEIT: Was muss die nächste Bundesregierung tun, um das System moralisch richtiger zu gestalten?

Hengsbach: Der Staat muss aus der Wertschöpfung der Unternehmen einen größeren Teil bekommen. Heißt: höhere Steuern. Die Inanspruchnahme des Naturvermögens muss teurer werden. Die abhängig Beschäftigten müssen einen größeren Anteil bekommen. Gehört denn der Reichtum, den wir alle erwirtschaften, vor allem den Aktionären?

Homann: Das sehe ich ganz anders. Das ist wider die marktwirtschaftliche Logik. Man kann nicht "gerechte" Preise für die Ressourcen der Wertschöpfung verlangen und ethisch oder politisch festlegen, das geht nicht!

Hengsbach: Andere Preise.

Was Arbeit kostet, ist keine Frage der Gerechtigkeit.
Karl Homann

Homann: Gut, aber was bedeutet "andere"? Preise haben in einer Marktwirtschaft keinerlei Gerechtigkeitsfunktion. Sie haben in erster Linie eine Lenkungsfunktion. Wenn wir die Preise administrativ festlegen, dann verlieren sie diese Rolle. Gut gemeint allein hilft nicht. Schauen Sie sich die Geschichte vom Heiligen Martin an. Der ist heiliggesprochen worden, weil er seinen Mantel teilt und die eine Hälfte dem Bettler gibt. Vermutlich haben danach beide gefroren: Martin hat den Mangel nur gleich verteilt, aber keine Anstalten gemacht, ihn zu beseitigen. Die Antwort des Kapitalismus wäre: eine Mantelfabrik zu bauen und den Bettlern Arbeit zu geben, damit die sich einen Mantel kaufen können. Alle gewinnen, auch Martin – nur wäre er dann nicht heiliggesprochen worden.

ZEIT: Dürfen wir die Geschichte auch weiterspinnen? Martin beschäftigt in seiner Mantelfabrik die arme Margarete aus Thüringen für einen Lohn von 3,80 Euro pro Stunde, weil das der Marktlohn ist. Ist dieser Preis für den Faktor Arbeit gerecht?

Homann: Der Preis ist ein Indiz für Knappheit oder Nichtknappheit des Faktors Arbeit am Arbeitsmarkt. Das ist keine Frage der Gerechtigkeit.

Hengsbach: Ach, Herr Homann, Ihr Marktmodell ist verklärt, idealtypisch. Die Frau mit den 3,80 Euro hat also Markt- und Verhandlungsmacht, sie ist mit diesem Lohn zufrieden, sie findet das fantastisch? Wir leben in einer Gesellschaft, in der eine Mehrheit ihr Arbeitsvermögen zur Verfügung stellen muss, damit sie ihren Lebensunterhalt bestreiten kann. Einer Minderheit gehört das Produktionsvermögen. Der freie Arbeitsvertrag ist in Wahrheit ein Zwangsverhältnis.

Homann: Aber die Frage, ob 3,80 Euro gerecht sind, ist die falsche Frage! Es gibt keine gerechten Preise.

ZEIT: Mindestlöhne wären der falsche Weg?

Homann: Mindestlöhne untergraben die Lenkungsfunktion der Preise, und wir kriegen eine entsprechend ineffiziente Marktwirtschaft, das heißt unter anderem mehr Arbeitslose.

Hengsbach: Bei Mindestlöhnen habe auch ich große Vorbehalte. Sie sind eine Bankrotterklärung der Gewerkschaften.