Homann: Die Gerechtigkeitsfrage müssen wir zum Beispiel über die Vergrößerung von Bildungschancen lösen. Damit lässt sich viel erreichen. Ich bin selber ein Beispiel dafür, ich komme aus ganz kleinen, fast ärmlichen Verhältnissen. Der Staat sollte dafür sorgen, dass möglichst viele potente Teilnehmer im Markt unterwegs sein können. Bildung ist dafür der Schlüssel. Dadurch wird der Einzelne befähigt, sich dem Wettbewerb zu stellen.

ZEIT: Wo muss der Staat noch aktiv werden? Ist zum Beispiel die Hilfe für Opel gerechtfertigt?

Homann: Im Prinzip ist das falsch. Aber wir machen das ja seit langer Zeit. Obwohl es gegen die reine Lehre der Marktwirtschaft ist, wie übrigens auch die Abwrackprämie.

Hengsbach: Das ist einfach Reparaturarbeit. Industrien mit Überkapazitäten müssen eigentlich kleiner werden. Der Staat setzt da falsche Signale.

Homann: Wettbewerb steht im Mittelpunkt. Das zentrale Element der Marktwirtschaft ist nicht das Gewinnstreben. Das ist die Folge des Wettbewerbs, nicht seine Ursache. Der Starke von heute kann ja der Schwache von morgen sein. Deshalb muss er präventiv – präventiv! – Wissen, Macht und Geld ansammeln. Bremsen wir den Wettbewerb, nimmt dieser Druck ab, und wir werden ineffizient und verfehlen damit das Gemeinwohl.

Hengsbach: Wettbewerb da, wo er funktioniert – einverstanden. In dem Rahmen, den der Staat ihm setzt. Nun kommt aber noch hinzu, dass in unserer kapitalistischen Marktwirtschaft die Machtverhältnisse höchst ungleich verteilt sind. Hier hat der Staat zusätzlich die Aufgabe, einigermaßen gleiche Lebenschancen zu sichern. Und das passiert zum Beispiel durch die Tarifautonomie mit starken Gewerkschaften, durch klare Schutzrechte für die Arbeitnehmer und durch solidarisch finanzierte soziale Sicherungssysteme.

ZEIT: Privatisierte soziale Sicherung geht nicht?

Hengsbach: Die Kommerzialisierung sozialer Sicherheit…

Homann: Was haben Sie dagegen, wenn die Ergebnisse durch Kommerzialisierung besser sind, wie etwa bei Fleisch, Bier und Brot?

Hengsbach: Besser? Wo denn? Bei der Gesundheitsversorgung, bei der sozialen Sicherheit, bei der Jugendhilfe, bei der Familienberatung:

Man kann doch nicht sagen, dass die Ergebnisse durch den Kommerzialisierungsdruck besser geworden sind!
Friedhelm Hengsbach

Für wen ist es durch die Entregelung der Arbeitsverhältnisse besser geworden? Ein Großteil der Hartz-IV-Empfänger, der alleinerziehenden Frauen, der Leiharbeiter, der Teilzeitarbeiter sucht Jobs, die nicht da sind. Die sind Opfer des Systems.

Homann: Es ist nicht so, dass mir diese Menschen nicht leidtun. Mein moralisches Leitbild ist ebenfalls die Solidarität. Ich streite mit Herrn Hengsbach über den Weg, wie man dahin kommt. Im konkreten Fall stelle ich fest, dass wir Arbeit haben noch und noch, sie aber nicht bezahlen können. Deshalb findet sich kein Unternehmer, der diese Arbeit organisiert. Charakteristikum der sozialen Marktwirtschaft ist Effizienz und sozialer Ausgleich. Es gibt Politiker, die sagen, dass die Marktwirtschaft erst durch den Zusatz des Sozialen moralisch akzeptabel wird. Im Umkehrschluss hieße das, dass die Marktwirtschaft als solche etwas Unsittliches ist. Das ist völlig falsch. Die Marktwirtschaft ist wegen der guten Ergebnisse, die sie für breite Kreise der Bevölkerung gebracht hat, ein sittliches Unternehmen. Inklusive Wettbewerb und Gewinnstreben. Das sind ihre Bedingungen.

Hengsbach: Sie gehen immer nur vom Idealmarkt und den angeblich gleichen Wettbewerbsbedingungen aus! Man müsse die Menschen nur dazu befähigen, sich auf dem Markt zu bewegen. Aber gegen die Schieflage von Macht und Chancen muss der Staat doch eingreifen.

Homann: Aber dann bitte mit der Überlegung, wie man Moralisches mit den richtigen Anreizen verbinden kann. Nehmen wir eine weitere Ursache der Wirtschaftskrise: die politische Entscheidung der US-Regierung, dass jedermann ein eigenes Häuschen haben soll. In der Folge hat man Kredite vergeben an Leute, von denen man wusste, dass sie die nie würden zurückzahlen können. Das ist gegen die ökonomische Sachlogik, gegen diese kommen Sie mit Ethik nicht an! "Gerechte" Preise sind ein Schmarrn. Das gilt auch für Managergehälter.

Hengsbach: Es ist aber notwendig, verfälschte Preissignale zu korrigieren. Wenn wir entscheiden, dass wir Umweltverschmutzung nicht hinnehmen wollen, müssen wir ihr einen Preis geben.