Henrik Ibsen findet in seinem Peer Gynt ein großes Sinnbild für das menschliche Dasein; es ist das Bild der Zwiebel: Wir bestehen aus Schalen, und je mehr wir uns schälen, desto klarer ist es, dass wir keinen Kern besitzen. Die meisten Peer Gynt -Inszenierungen verabreichen diese Wahrheit mit heimtückischem Übermut: Sie beginnen volkstümlich und überschäumend, mit Tanz, Rauferei und Reisefieber, und sie werden erst am Ende, wenn die inneren Schalen sich lösen, dunkel und schwer.

Jan Bosses Inszenierung am Hamburger Thalia Theater dagegen stößt früh zum Ende vor. Die Feste, die hier gefeiert werden, sind absichtsvoll fahl. Es sind von Beginn an die letzten Schalen, an der Bosse und sein Hauptdarsteller Jens Harzer herumoperieren, und sie verbeißen sich dabei die Tränen.

Der tolle Jens Harzer wirkt ja immer, als träume er das Stück, in dem er mitspielt, als durchschlafe er es hellwach wie einen höheren geistigen Vorgang. Mit seiner Kunst gibt er flachen Stücken Tiefe und konfusen Inszenierungen Ruhe. Doch seinen Peer Gynt sieht man ermattet, und man denkt: Wenn er doch endlich erwachen würde.

Am Anfang wirkt er fast sediert, wie ein Anstaltsinsasse, den man mit Beruhigungsmitteln gefüttert und dann für eine Runde auf den Flur geschickt hat. Hier ist kein Eroberer, kein Unternehmer, kein Täter, der um die Welt rast auf der Flucht vor sich selbst; hier ist ein Erforscher seiner Schalen, der sich manisch ins eigene Ich hineinbohrt.

Dieser Peer schaut nie nach vorn und nach oben, sondern immer nach innen und nach unten. Er hat seine Lebensreise schon hinter sich. Und auch die Bühne, eine Festung aus Kartons, kündet nicht von weiter Welt, sondern von geschlossenem Kopfraum: Peer rennt an gegen die Festung, bis sie bröckelt, doch die Odyssee, die dann beginnt, erscheint wie eine Großhalluzination als Folge einer Hirnverletzung.

Es wiederholt sich, was man vor zwei Wochen schon zur Saisoneröffnung am Wiener Burgtheater sah: das Universalstück im Container. Matthias Hartmann hatte den ganzen Faust aus einem Würfel entwickelt, woraus sich die Welt knittrig und aufatmend herausbauschte wie aus einem zu dicht gepackten Überseekoffer. Eine hämische Ökonomie beherrscht nun auch diesen Hamburger Peer Gynt, den Faust des Nordens: Alles hat Platz in einem Bau aus Pappe, die opulentesten Stücke des Welttheaters packen sie neuerdings in die kleinsten Kisten.

Der Besetzungszettel ist eingekürzt auf sieben Spieler, die den Titelhelden umstehen und beobachten. Es ist, als sei alles, was geschieht, jede Täuschung, jede Verführung, von ihnen angezettelt wie von einer Analytikertruppe, die an diesem Gynt eine Langzeitstudie vornimmt. Und wenn die Kartonfestung am Ende einstürzt, sieht man, was drin war: ein kleines Filmstudio und ein glühender Computer.

Genau wie beim Wiener Faust hilft, wenn das Stück sich ins Universelle, Enzyklopädische öffnet, nur noch Videotechnik: Man sieht Peers Gesicht, haushoch, auf die Kartonburg projiziert, während er seine Raubzüge macht (Waffenhandel, Menschenhandel, Erdölhandel). Und an der Burgfassade klettert Solveig, seine große, geduldige Liebe, empor, sieht seine Untaten und verzeiht ihm alles.

Von Harzers Gynt bleiben jene Szenen in Erinnerung, da er sich der Kamera nähert, die ihn beharrlich filmt, und hineinstarrt ins Objektiv: als wolle er herausfinden, wer sein Zuschauer sei und ob jener Zuschauer ihn erkannt habe. Als wolle er fragen: Für wen lebe ich dieses Leben eigentlich?