Er gibt keine Einsätze. Da jedenfalls, wo es drauf ankommt, wo etwa schweres Blech leise und zart auf zerbrechliche Streicher gesetzt werden muss, trägt er den Klang auf Händen. Mit einem bloßen Einsatz wäre an solchen Stellen bei Bruckner nichts zu machen. Christian Thielemann formt seine Hände so, dass man den Klang förmlich sieht, der da hineinpasst oder, poetischer gesagt, den sie beschwören. Mit diesem Wort gerät man allerdings schon in eine Auseinandersetzung um die traditionsreiche Rolle des Dirigenten als Patriarch, Priester und Beschwörer, die auch im Jahre 20 nach Karajan noch großen Reiz hat. Thielemann zelebriert Bruckner titelte eine Tageszeitung in Dresden und verwies auf Schönheiten, die "nicht mehr verbal beschreibbar" seien.

Den irdischen Hintergrund dazu liefert ein Zwist, dessen Winkelzüge vielleicht noch schwieriger beschreibbar sind als das, was ein 50-Jähriger aus der Sinfonie eines 68-Jährigen macht. Thielemann, seit 2004 Chefdirigent der Münchner Philharmoniker, hatte vor seiner Vertragsverlängerung einen Passus abgelehnt, der die "Letztverantwortung" über Gastdirigenten und Programme dem Intendanten zuschreibt. Da der Chefdirigent auch künstlerischer Leiter ist, sah Thielemann seine Kompetenz beschnitten, er unterzeichnete nicht, und die Stadt München erklärte den Posten für vakant von 2011 an. So verkürzt dargestellt, liest sich das, als hätten die Münchner nicht mehr alle Tassen im Schrank.

Die Feuilletons haben sich auf die Version "Zwerge vertreiben Riesen" geeinigt, und ehe man die Fäden der vermeintlichen Zwergenverschwörung aufdröselt, sollte man dem zum Riesen ernannten Musiker bei der Arbeit zusehen. Bei der Sächsischen Staatskapelle ist Thielemann für deren Chef Fabio Luisi eingesprungen, für den die Dresdner einen Nachfolger suchen. Die Konzerte mit Bruckners wirklich riesiger achter Sinfonie in der Semperoper könnten also zu einem überdimensionalen Probedirigat geraten, doch erleichtert stellt man fest: Hier wird Musik gemacht. Der erste Satz ist eine große, schöne, farbenreiche Entfaltung, entspannt und gespannt zugleich. Diese kreative Nähe zwischen einem Orchester und einem Gastdirigenten erlebt man selten.

Den Klang, die Linien formen die Sachsen und der Preuße (er kam 1959 in Berlin zur Welt) gemeinsam. Oft scheint er auf den Punkt zu bringen, was sie vorbereiten, andererseits intensivieren sie Nuancen, die er anregt, ganz ohne sein weiteres Zutun. Die Staatskapelle hat eine gediegene Bruckner-Tradition, von Böhm über Jochum bis zu Sinopoli und Haitink, und sie hat einen Klang von enormem Verschmelzungsgrad, klar und weich zugleich, nicht analytisch und völlig unaggressiv. Das kommt Thielemann sehr entgegen. Nicht Brüche interessieren ihn, sondern Bindungen, das Auseinanderhervorgehen der Klänge, mit denen er so vertraut ist, dass er keine Noten braucht. Womöglich stünden ohnehin keine Eintragungen darin, wie in denen Herbert von Karajans, der zu den Entdeckern Thielemanns gehört und überhaupt einiges mit ihm gemein hat.

Beethoven, Brahms, Bruckner, Strauss und Wagner, das sind die Hausgötter, die sich Thielemann weder von Analytikern noch von Aufführungspraktikern zerreden lässt. Manchmal ist das schade. Mit den Münchner Philharmonikern hat er 2006 Brahms Erste aufgenommen, so tonnenschwer und sämig, dass Karajan dagegen beflügelt wirkt. Wie jener reist der zurzeit wohl meistgefragte deutsche Dirigent viel zwischen diversen Orchestern hin und her. Deswegen leitet er dort, wo er Generalmusikdirektor ist, bei den Münchner Philharmonikern, nur 30 von 90 Konzerten, möchte aber seine Ästhetik auch in den restlichen 60 Konzerten gesichert wissen. Weswegen die Gäste nicht ans saftige deutsch-österreichische Kernrepertoire gelassen werden, aber auch selten über die klassische Moderne hinaus aktiv sind.