Die europäische Kommission hatte gar keine andere Möglichkeit mehr: Sie musste handeln. Der Vorwurf, sie habe widersprüchliche Gesetze verabschiedet, wiegt an sich schon schwer genug – und wenn es dabei auch noch um das Leben von Millionen Tieren geht, wird die Gefahr eines Imageschadens übermächtig.

Schuld an der misslichen Situation ist die neue EU-Chemikalienverordnung Reach (Registration, Evaluation, Authorisation and Restriction of Chemical substances) – ein Mammutprojekt, in dem bis zum Jahr 2018 praktisch sämtliche Industriechemikalien registriert und viele davon neu bewertet werden sollen. Zur Sicherheitsprüfung chemischer Substanzen gehört auch, sie in Tierversuchen auf mögliche gesundheitsgefährdende Auswirkungen für den Menschen zu testen.

Reach und die Kosmetikgesetz-gebung können zu sehr widersprüchlichen Testanforderungen führen
Marcel Leist, Forscher

Dass für Reach möglicherweise viel mehr Labortiere ihr Leben lassen müssen als ursprünglich gedacht, sorgte in der vergangenen Woche nicht nur bei Tierschutzvereinen für Aufregung. In der Wissenschaftszeitschrift Nature warf der Toxikologe Thomas Hartung der EU vor, den tatsächlich notwendigen Aufwand für die Chemikalien-Neubewertung grob zu unterschätzen.

Während die EU selbst von 7,5 Millionen Tieren ausgeht, veranschlagt Hartung, Direktor des Zentrums für Alternativen zu Tierversuchen an der US-amerikanischen Johns-Hopkins-Universität, ein Vielfaches – bis zu 54 Millionen.

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Vor diesem Hintergrund wirkt die EU wenig glaubwürdig, obwohl – oder gerade weil – sie bei Tierversuchen für Kosmetika eine äußerst harte Haltung zeigt. Bereits im Jahr 2013 dürfen für Kosmetikprodukte, die auf dem europäischen Markt angeboten werden, keinerlei Experimente an Tieren mehr durchgeführt werden, auch nicht außerhalb der Union.

Die letzten Kosmetikatests, die im Moment noch geduldet werden, sollen dann wegfallen: Langzeitversuche, in denen Labortiere über Wochen und Monate hinweg den zu testenden Substanzen ausgesetzt werden. Zur Bewertung von Industriechemikalien hingegen werden die Tests noch lange Zeit nötig sein. "Reach und die Kosmetikgesetzgebung können zu sehr widersprüchlichen Testanforderungen führen", sagt Marcel Leist, der an der Universität Konstanz einen Lehrstuhl für alternative In-vitro-Methoden innehat.

Neben dem Widerspruch zwischen den zwei EU-Regelungen gibt es noch ein weiteres Problem: Für die Langzeitversuche sind keine Ersatzmethoden in Sicht, nicht einmal in Ansätzen. Auch die Sicherheit von neuen Medikamenten hängt bis heute an solchen Tierversuchen, denn damit werden die Auswirkungen einer Substanz auf den ganzen Organismus untersucht.

Die Europäische Kommission steckt also in der Zwickmühle. Den Ausweg sucht sie nun in einer gemeinsamen Initiative mit dem Verband der europäischen Kosmetikindustrie (Colipa). Die beiden Partner wollen die Entwicklung von Alternativen zu Langzeit-Tierversuchen fördern. Ende August stellten sie dafür insgesamt 50 Millionen Euro bereit.