Die Medienstadt Hamburg scheint in bester Form zu sein: Von Donnerstag bis Sonnabend läuft das Reeperbahn Festival, 150 Bands in 20 Klubs auf Sankt Pauli, ein junges Publikum schlendert bis tief in die Nacht von einem Ort zum nächsten und genießt das größte Klubfestival Deutschlands. Erwartet werden 17.000 Besucher, Rekord im vierten Jahr des Bestehens.

Als wär das nicht genug, tagt parallel Reeperbahn Campus, das "Creative Industries Meeting Northern Europe": 1000 Leute aus der Musikbranche und darüber hinaus, 27 Veranstaltungen im Trubel.

Kann eine Medienstadt lebendiger und zukunftsträchtiger sein? Eben wird für Juli noch ein neuer Rekord gemeldet: erstmals 800.000 Übernachtungen, 8,5 Prozent mehr als im Vorjahresmonat – und das in der Krise!

Aber nichts ist klar auf der Andrea Doria. Der Vergnügungsdampfer Hamburg ist in schwere See geraten. An der Elbe brodelt’s plötzlich an mehreren Stellen, und zwar ausgerechnet dort, wo die Stadt jung, kreativ und zukunftsfroh ist. Dabei geht es um die Frage, welchen Raum Hamburg denen gibt, die über Initiative und Einfälle verfügen, nicht jedoch über genug Geld.

Vergangenen Donnerstag, abends um sieben, gab es einen "Flashmob" in der Innenstadt. Spontan zusammengerufen übers Internet, fand sich eine stattliche Menge junger Klubbesucher vor den Türen des Rathauses ein, um eine Minute lang mit Megafonen, Rasseln und Hupen das zu tun, was Klubs am besten können: laut sein!

Krach schlugen sie im Namen von drei weit über die Stadt hinaus bekannten Hamburger Spielstätten, denen völlig überraschend von ihrem Vermieter gekündigt worden war. Der Waagenbau, die Astra-Stube und das Fundbureau sollen zum Ende Dezember raus aus Räumen, in denen sie seit sieben, zehn und zwölf Jahren waren. Der Grund dafür klingt unglaublich: Die Klubs werden mit Beton verfüllt. Welch ein Sinnbild für die prekäre Lage der Subkultur in der Stadt!

Dabei kann die Stadt gar nichts dafür. Alle drei Klubs sind Mieter der Deutschen Bahn; alle Räume sind Hohlräume unter der Sternbrücke und dem angrenzenden Damm, über den der gesamte Nord-Süd-Verkehr in Hamburg geführt wird. Die Struktur bröckelt, und bevor die Züge ins Rutschen kommen, brauchen sie Unterstützung.

 

Unterstützung brauchen nun allerdings auch die Klubs. Wo sollen sie hin? Hamburg ist nicht Berlin und hat nicht noch überall ungenutzte Schuppen und Depots. Alle zentralen Orte sind Gegenstand von Spekulation, alles kostet ein Heidengeld. Und schon wenn irgendwo ein neuer Kindergarten aufmachen will, klagen die lieben Nachbarn wegen unzumutbarer und wertmindernder Lärmbelästigung.

Unter den drei bedrohten Klubs ist die Astra-Stube das Kleinod. Wenn 50 Leute drin sind, ist sie voll. Bier gibt’s aus der Buddel, gewischt wird ab und zu. Hier kann man neue Bands hören, bevor sie alle kennen, und die aufkommende Euphorie im grellen Licht der Stresemannstraße dämpfen, wenn die Lastwagen aus Skandinavien früh um fünf dem Freihafen entgegenrumpeln.

Gerade noch hat der Musiker Jan Delay die urban pittoresk gelegene Astra-Stube auf die Hülle seiner neuen Platte Wir Kinder vom Bahnhof Soul gehoben. Sie sei der seelenvollste Ort Hamburgs.

Seit die Kündigung publik wurde, setzt die Politik alles in Bewegung, um sie aufzuschieben. Die Bahn zeigt sich wohlwollend, Dezember ist vom Tisch. Aber im Laufe des nächsten Jahres wird sich die Frage wieder stellen. Und was dann?

Stets geht es um Raum. Am Donnerstag um 18 Uhr, böser Kontrast zum Reeperbahn Festival, wird in der Ganztagsschule Sankt Pauli ein umstrittener Plan vorgestellt: das Bernhard-Nocht-Quartier. Investoren wollen hinter der vor Jahrzehnten besetzten Hafenstraße etliche alte Häuser wegreißen, um alles größer, schöner und teurer zu machen. Seit Monaten gibt’s Protest: "No BNQ!" lautet das Motto, auf Englisch, damit die Kapitalisten es auch verstehen.

Aktivisten stellten im Frühjahr den Dokumentarfilm Empire St. Pauli vor, der die rasanten Veränderungen im weltberühmten Stadtteil anprangert. Wo bis vor Kurzem noch Astra gebraut wurde und es nach Maische roch, arbeiten jetzt zugezogene Manager in verspiegelten Hochhäusern. Touristen strömen ins Prachthotel Empire Riverside, in dem die Nacht 250 Euro kostet. Die Wohnungsmieten im Viertel sind seit 2005 um 27 Prozent angestiegen und liegen im Schnitt bei 9,33 Euro, höher als im reichen Eppendorf.

Von "Gentrifizierung", Veredelung, sprechen die Gegner – wie von einer tödlichen Krankheit. Anwohner, die nicht mithalten können, müssen wegziehen. Von "Bevölkerungsaustausch" ist die Rede.

 

Ähnlich kritisch ist die Lage im zwischen Polizei und Autonomen umkämpften Schanzenviertel, in dem McDonald’s neuerdings Hamburger verkauft und der Fernsehkoch Tim Mälzer ein "Bullerei" genanntes Restaurant eröffnet hat.

Und dann – halten seit Ende August ja noch 200 Künstler die Reste des historischen Gängeviertels in der City besetzt. Sie fordern günstige Ateliers und ein Ende des Verfalls. Die Öffentlichkeit zeigt Sympathie.

Vergangene Woche blieb der holländische Käufer des Ensembles seine letzte Rate schuldig. Nun könnte die Stadt vom Verkauf zurücktreten. Man darf gespannt sein, was der klamme schwarz-grüne Senat aus dieser Chance macht.

Unterdessen vereinen sich die kleinen Proteste zu einer größeren Bewegung: Klubgänger, Künstler, Schanzenbewohner und Sankt Paulianer kämpfen gemeinsam um ihren Platz in der Stadt.