Wie fühlt es sich eigentlich an, dieses Wahlergebnis? Wir wissen es noch nicht, wir sind noch nicht in der schwarz-gelben Republik angekommen. Zu tief hängen die letzten elf Jahre in den Kleidern, zu sehr sogar noch die vier der Großen Koalition.

Dieser achte Regierungswechsel in der Geschichte der Republik ist genau genommen nur ein halber. Die Kanzlerin und mit ihr die größere Regierungspartei bleiben schließlich. Trotzdem fühlt sich das alles wie ein tiefer Einschnitt an.

Der eine Grund dafür liegt in der ungeheuren Fülle dessen, was sich in den zurückliegenden elf Jahren ereignet hat: zwei Wirtschaftskrisen, der 11. September, zwei Kriege mit deutscher Beteiligung, Reformen über Reformen, Zuspitzung der globalen Klimakrise, tief greifende Erschütterung der Weltordnung, Verunsicherung durch Gentechnologie und Hoffnung darauf.

Der andere Grund: Das politische Medium, in dem wir das alles durchleben durften und durchleiden mussten, war eine Partei – die tapfere, schmerzensreiche, unerträgliche SPD. Dass sie nun von den Wählern mit großer Brutalität auf die Nebenbühne geschoben wurde, dass die Leute ihr beim Leiden nicht mehr zusehen wollen, das macht den emotionalen Einschnitt aus. Ein sozialdemokratisches Jahrzehnt endet – in Scherben (siehe Seite 5).

Auch die vier Jahre der Großen Koalition haben sich ins Gedächtnis eingeschrieben, mehr als man vielleicht erwartet hatte. Richtig zu sich und zu ihrer Mission kamen Schwarze und Rote erst mit dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise, als die Große Koalition groß handeln konnte – weil sie es musste. Zugleich hat diese Koalition Fantasie gehemmt. Die Gedanken reichten selten weiter als die engen Spielräume, die man einander ließ. Schließlich regierten hier zwei Parteien, die wussten, dass sie sehr bald um das Kanzleramt konkurrieren würden.

Westerwelle und die Medien – aus Verachtung wird Neugier

In der Stunde höchster Not war es gut, eine Große Koalition zu haben. Nun ist es gut, sie los zu sein, denn sie wäre selbst zur Quelle höchster Not geworden, zwei schwindsüchtige Volksparteien, im Leiden vereint.

Die neue Koalition hat darum zunächst einmal etwas Frisches, man könnte auch sagen etwas Banales, jedenfalls hat sie vorerst weder einen Grund zu leiden oder zu knirschen oder zu klagen noch ein Recht dazu.