Überall ein fettes Minus: Linz, Wels, Steyr. Sozialdemokraten verlieren überall dort besonders deutlich, wo sie früher am stärksten waren. Das ist mittlerweile wieder ein konstantes Phänomen. In den roten Hochburgen laufen die Stammwähler zu den Freiheitlichen über, nicht weil sie dort ihre Interessen besser aufgehoben wähnten, nicht weil die Rechte über höhere Sozialkompetenz verfügte. Sondern vor allem, weil die FPÖ in ihrer Agitation fast ausschließlich auf ein Thema einhämmert: Migration in all ihren Schattierungen.

Daneben verblassen die übrigen Politikfelder, ein alles überragendes Problem dominiert den Kampf um die Macht im Land. Die Ausländerfrage hat mittlerweile in der Wahrnehmung eine Dimension angenommen, die in keinem Verhältnis zu ihrer tatsächlichen Problematik steht. Sie ist zu einem emotionalen Kampfthema eskaliert, bei dem rationale oder pragmatische Antworten allein nur mehr wenig vermögen. Es ist maßgeschneidert für die populistische Jagd nach Stimmen. Die Freiheitlichen halten sich dabei erst gar nicht bei Details auf. Stattdessen propagieren sie ein System der Alpenapartheid. So realitätsfremd und undurchführbar der Plan auch sein mag, seine radikale Simplizität trifft die Stimmung vor allem dort punktgenau, wo die Bedrohungsszenarien einer Gesellschaft im Umbruch besonders akut sind: in den roten Hochburgen.

Wenn im kommenden Jahr in Wien und in der Steiermark neue Landtage gewählt werden, wird neuerlich das Thema im Zentrum stehen. Die freiheitlichen Herausforderer werden nicht müde werden, Überfremdung, mangelnde Deutschkenntnisse, Moscheebauten, hohe Ausländeranteile in Schulklassen, in Wohnvierteln oder bei Sozialhilfeempfängern anzuprangern. Die xenophobe Jeremiade kennt keine Ufer. Einerlei, ob die Behauptungen stimmen oder nicht und ob die Barrikadenredner tatsächlich auch meinen, was sie verkünden, die Auseinandersetzung hat jetzt einen Grad an Eigendynamik gewonnen, in dem die herkömmlichen Methoden des politischen Wettstreits stumpf geworden sind. Argumente verhallen zumeist in der mit Ressentiments aufgeladenen Atmosphäre. Konkrete Lösungsmodelle werden von einem Generalverdacht, unter den alle Migranten gestellt wurden, hinweggefegt. Da können auch die schärfsten Gesetze nicht mithalten. Die polarisierende Abwärtsspirale rotiert nach all den Jahren der Untätigkeit mit beängstigendem Tempo. Nicht einmal die Freiheitlichen, selbst wenn sie es wollten (was sie wohl nicht tun), könnten jetzt noch abspringen. Sie sind dazu verdammt, ihren alten Stil um immer noch ein wenig schrillere Töne zu steigern, und das führt dazu, dass sich die Bevölkerung mehr und mehr in In- und Ausländer, in Befürworter und erbitterte Gegner einer ethnisch inhomogenen Gesellschaft spaltet. Die Gruppen stehen einander verständnislos, ja feindlich gegenüber.

Das wird vor allem in Wien tiefe Spuren hinterlassen. Der Wiener Bürgermeister Michael Häupl prophezeite einen "grauslichen Wahlkampf". Das ist wahrscheinlich noch beschönigend. Es droht vielmehr ein gnadenloser Kulturkampf, da die Freiheitlichen eine veritable Chance gewittert haben, mit einem massentauglichen Totschlagthema tiefer denn je in die roten Bastionen einzudringen.

Für die Sozialdemokraten steht dabei in der Metropole mehr auf dem Spiel als der Verlust ihrer absoluten Mehrheit. Sie müssen nun die Reste ihrer Glaubwürdigkeit verteidigen, sie müssen unter Beweis stellen, dass sie noch über ein genügend großes Reservoir an Identität und Selbstachtung verfügen, um als politische Alternative wahrgenommen zu werden. Nicht leicht für eine Partei, die sich immer mehr in das Biotop ihrer Funktionärseliten zurückgezogen hat und sich seit vielen Jahren hauptsächlich als Verwaltungsorgan und Spektakelveranstalter begreift.

Gewiss, die Sozialdemokraten haben viele der großen Themen der Zeit verschlafen und mühen sich nun, der Entwicklung hinterherzuhecheln. Besonders folgenschwer aber ist es, dass sie lange Zeit das Phänomen der modernen Völkerwanderung schlichtweg nicht wahrhaben wollten und überall dort, wo tatsächlich Konfliktzonen entstanden waren, die Probleme mit Beschwichtigungsformeln wegzureden versuchten. Nichts symbolisiert drastischer dieses Versäumnis als das Durchhaltelächeln, das dem Parteivorsitzenden Werner Faymann ins Gesicht gefroren ist.