Schablonenhaft, mit wächsernem Gesicht, wiederholte Erich Haider am Wahlsonntag seine Stehsätze. Am häufigsten rekapitulierte er mit dünner Stimme wohl einen Satz in die Mikrofone der Journalisten: "Das ist eine sehr, sehr schwere Niederlage." Nein, ein betörender, ein hinreißender Redner war der oberösterreichische SPÖ-Chef nie, stets schien es, als müsste er nach den richtigen Worten suchen. Immer schon wirkte er bei Fernsehauftritten ein wenig klobig und unbeholfen und bot das Bild einer unbedarften Provinzgröße. Nun, im Schatten einer historischen Wahlniederlage, lud er die ganze Last der Verantwortung auf seine massigen Schultern. Schwer gezeichnet, mit Ringen unter den Augen, zog der 52-jährige Mühlviertler schon bei seinem ersten Auftritt nach Bekanntgabe der Hochrechnungen die Bundespartei aus der Schusslinie. Kein Wort der Kritik an der Regierung unter Kanzler Werner Faymann kam über seine Lippen. Stattdessen stellte er sich selbst infrage.

In der Parteizentrale in der Linzer Landstraße 36, dem ehemaligen Hotel Schiff, in dem im Bürgerkriegsjahr 1934 die ersten Schüsse gefallen waren, herrschte am Wahlabend Grabesstille. Sozial-Landesrat Josef Ackerl, der seinen Regierungssitz verlieren dürfte, verkroch sich hinter einem Computermonitor, um mit leeren Augen auf die Wahlergebnisse zu starren. Sprachlos auch Klubobmann Karl Frais, leichenblass die ehemalige Schwimmrekordlerin Vera Lischka, deren politische Karriere nach sechs Jahren jäh zu Ende gehen könnte. Ausgerechnet Erich Haider versuchte, mit aufmunternden Sprüchen die Stimmung aufzuhellen. Vergeblich.

Der SPÖ-Spitzenkandidat hatte hoch gepokert und hoch verloren. Seit Jahren hatte Haider konsequent auf ein ehrgeiziges Ziel hingearbeitet: zum ersten Mal den Posten des oberösterreichischen Landeshauptmanns für die Sozialdemokraten zu erobern. Der Fall könnte nun schlimmer kaum sein. Mit 24,9 Prozent ist die SPÖ auf einem historischen Tiefststand angelangt. Die Zahl der Regierungssitze wurde halbiert, acht Landtagssitze gingen verloren und zwei Mandate im Bundesrat. "Das ist meine erste große Niederlage. Die muss ich nun erst verdauen", kämpfte Haider um eine Erklärung. Lange wird er sich dafür nicht Zeit nehmen können: Bei nur vier Gegenstimmen beauftragte ihn am Montag der Landesparteivorstand, Reformen einzuleiten. Beim Parteitag im Juni 2010, sagt er, werde er wieder kandidieren.

Bis dahin hat Haider die Chance, für sich und seine Partei eine zentrale Frage zu beantworten: Wie konnte es zu diesem Debakel kommen? Zwar hatten er und seine Genossen mit einem Stimmenverlust gerechnet. Nicht jedoch mit einem Absturz. "Unsere Umfragen zeigten für uns zwischen 32 und 34 Prozent. Aber wir haben erwartet, dass die ÖVP wesentlich mehr verliert." Deshalb gab er noch am Wahlsonntag die Losung aus, die SPÖ werde stimmenstärkste Partei. Die Ursachen für den Absturz? Hat er Fehler gemacht? "Es ist schwer zu sagen. Niemand hat an unseren Themen gezweifelt. Die Stimmung war gut." Scheinbar, so Haider, stimme das oberösterreichische Sprichwort "Wer schimpft, der kauft". Viele hätten ihm ihr Leid und ihren Ärger über die ÖVP geklagt – um dann doch bei den Erzrivalen ihr Kreuz zu machen.

Vom Ausländerthema überrascht, von der ÖVP zermalmt

Einen Fingerzeig bekam Haider bereits bei der Vorstandssitzung am Montag: Dort kritisierten die Genossen die Zuspitzung auf die Landeshauptmann-Frage. Davon profitierte in unsicheren Zeiten nur einer: ÖVP-Landeschef Josef Pühringer. Wie schon in Vorarlberg, wo die SPÖ von 16 auf 10 Prozent zurückfiel, zeigte sich auch im Land ob der Enns, dass den Sozialdemokraten das wahlentscheidende Thema Ausländer- und Integrationspolitik völlig entglitten ist. Augenscheinlich wurde das in Wels, der zweitgrößten Stadt Oberösterreichs. Eine offenbar gescheiterte Integrationspolitik – der Ausländeranteil liegt in dem Provinzzentrum bei 25 Prozent – brachte die SPÖ-Hochburg ins Wanken. 20 Prozent der Stimmen büßten die Genossen ein und landeten bei 35,7 Prozent, die FPÖ hingegen legte auf 29 Prozent zu. Bürgermeister Peter Koits verlor in der Direktwahl fast 30 Prozent und muss in die Stichwahl gegen seinen FPÖ-Rivalen. "In den Städten ist Integration das Thema schlechthin", sagt der angezählte Welser Bürgermeister. Bereits vor der Wahl hatte auch Erich Haider das Problem erkannt und ein Integrationsprogramm ausgearbeitet. "Man hätte das aber viel früher regeln müssen", weiß er heute.

Tatenlos sah der Wahlkämpfer dem FPÖ-Comeback, das sich abzeichnete, dennoch nicht zu. In Stadtteilen mit hohem Ausländeranteil berief er Bürgerversammlungen ein. "Ich bin mehrfach durch Wohnblöcke gegangen und habe alle Klagen gesammelt." Honoriert wurde ihm das nicht. Der Wählerstromanalyse zufolge, wanderten 45000 der 299000 SPÖ-Wähler von 2003 zur FPÖ ab, 33000 zur ÖVP.

Dass sie nichts getan hätten – diesen Vorwurf müssen sich Erich Haider und seine Mitstreiter nicht gefallen lassen. Sie besetzten traditionell sozialdemokratische Themen wie Gerechtigkeit und Solidarität und scheiterten dennoch grandios. Hunderttausende Betriebs- und Hausbesuche wurden nicht honoriert. Haider führte einen ähnlichen Wahlkampf wie bei seinem Erfolg vor sechs Jahren, als er rund zehn Prozent dazugewann. Wie damals präsentierte er sich neuerlich als Schutzschild für die sozial Schwachen.

Haider weiß dabei, wovon er spricht, kommt er doch selbst aus kleinen Verhältnissen. Sein Vater, ein Bauarbeiter und Betriebsrat, setzte große Hoffnungen in den Sohn. Mit 20 Jahren fing der junge Funktionär aus Ried in der Riedmark als kleine Charge in der Landespartei an. 1983 wurde er Bezirksparteisekretär in Linz, daneben studierte er Informatik. Aus dieser Zeit rührt auch die Verbindung mit seinem Mentor, dem Linzer Bürgermeister Franz Dobusch, der ihn 1993 in den Stadtsenat berief. 1997 holte ihn der damalige SPÖ-Chef und Landeshauptmannstellvertreter Fritz Hochmair in die Regierung. 1998 schließlich war Haider nach seiner Wahl zum Landesparteiobmann ganz oben angekommen. Er übernahm eine in drei Lager gespaltene SPÖ. "Mein großes Verdienst ist die Einigung der Partei und die klare inhaltliche Ausrichtung", sagt Haider heute noch stolz. Er änderte den Kurs der Landes-SP, die sich mit ihrem Schattendasein als ewiger Zweiter arrangiert hatte, löste sich aus der Umarmung der ÖVP und visierte das Amt des Landeshauptmanns an.

Bei der Verfolgung dieses Zieles war er nicht zimperlich und löste mit seinem kampffreudigen Stil bei der ÖVP erhebliche Irritationen aus. Nach der Wahl 2003 suchte sich die Volkspartei mit den Grünen prompt einen handzahmen Regierungspartner. "Seit dem Zeitpunkt, als er die Chance sah, Landeshauptmann zu werden, hat er nur mehr gnadenlosen Populismus und dirty campaining betrieben", begründet der schwarze Landeshauptmannstellvertreter Franz Hiesl die Abkehr der ÖVP. "Er hat nun die Rechnung bekommen, die viel schärfer ausgefallen ist als je zuvor", freuen sich die Schwarzen ebenso sehr über den Misserfolg Haiders wie über den Sieg ihres Chefs.

Die Jahre zuvor schien es, als könnte Erich Haider bei seinem Aufstieg niemand bremsen. Die schwarz-blaue Koalition unter Kanzler Wolfgang Schüssel trieb ihm die Wähler in die Arme. Den Erfolg von 2003 verdankte er vor allem der ungeliebten Pensionsreform und der umstrittenen Privatisierung des Voest-Stahlkonzerns. Die von Landeschef Pühringer forcierte Privatisierung der landeseigenen Energie AG holte noch mehr Unzufriedene an Haiders Seite. Doch Anfang 2008 zog die ÖVP die Notbremse und blies den geplanten Börsengang ab. Diese Entscheidung bedeutete eine Kehrtwende in der Landespolitik. Pühringer hatte gelernt und erwischte seinen Kontrahenten auf dem falschen Fuß. Von da an tat sich Haider schwer, mit seinen Themen durchzudringen.