Im Juni hat Christina* Abitur gemacht. Sie hat mit ihren Freunden Partys gefeiert und sich im Italien-Urlaub von den Strapazen erholt. Doch richtig freuen kann sich Christina nicht. Ihre Gefühle schwanken zwischen Erleichterung und Verzweiflung, zwischen der Angst, ihre große Liebe zu verlieren, und der Hoffnung, eine echte Beziehung zu führen.

Christina ist in ihren ehemaligen Lehrer verliebt. Als die heute 19-Jährige von einem Auslandsjahr zurück kam, unterrichtete an der Schule ein neuer Sportlehrer, jung, attraktiv, eloquent, Anfang 30. Zuerst fand sie ihn unsympathisch, hielt ihn für einen Macho. Im Unterricht lieferten sich die beiden heftige Wortgefechte, die auch den Mitschülern auffielen. "Aber dann haben wir uns, auf einer Schulveranstaltung, mal wirklich privat unterhalten und gemerkt, dass wir auf derselben Wellenlänge liegen, ganz normal miteinander reden können, dass etwas zwischen uns ist", sagt Christina.

Seitdem befindet sich Christina in einem Gewissenskonflikt: Sie wusste, dass diese Liebe keine Zukunft hatte, und konnte sich ihren Gefühlen dennoch nicht entziehen. Sie versuchte, seine Zeichen zu deuten, wunderte sich über scheinbar flüchtige Berührungen auf der Treppe – und genoss sie doch als Zeichen seiner Zuneigung. Oft aber fühlte sie sich verzweifelt – und suchte Trost im Internet, in Foren mit Gleichgesinnten.

Auch Henrietta ist dort angemeldet. Sie hat gerade Abi gemacht und ist seit zwei Jahren in ihren Lehrer verliebt. "Einmal habe ich meiner besten Freundin von meinen Gefühlen erzählt, sie war geschockt und hat danach alle Gespräche abgeblockt", sagt Henrietta.

Das Thema ist ein Tabu, selbst Jahre danach ist es für beide Seiten fast unmöglich, darüber zu reden: Die betroffenen Lehrer fürchten um ihren Ruf, die Schülerinnen fühlen sich auch im Nachhinein schuldig, den Geliebten in eine heikle Situation gebracht zu haben.

Diese Erfahrung hat auch Klaus Seifried vom Bundesvorstand der Sektion Schulpsychologie im Bund deutscher Psychologen und Psychologinnen gemacht: "Die Betroffenen kommen fast nie zu uns. Sie trauen sich nicht, und an vielen Schulen wird das Thema totgeschwiegen. Wenn überhaupt, machen uns Mitschüler aufmerksam, weil sie etwas beobachten." Dabei kennt fast jeder Geschichten wie die von Christina und Henrietta, jeder Schulleiter, jeder Lehrer wird im Laufe seiner Karriere damit konfrontiert. Hin und wieder berichten die Medien über spektakuläre Fälle. Ein 51-jähriger Berliner Lehrer, der eine Affäre mit einer 18-Jährigen begann und diese nach dem Abitur heiratete, beschäftigte über Wochen den Boulevard.

"Das Problem liegt auch im System Schule. Es ist ja erwünscht und notwendig, dass zwischen Schülern und Lehrern ein Vertrauensverhältnis herrscht. Es ist sogar normal, wenn Schülerinnen und Schüler ihre Lehrer lieben – als Vorbild, ähnlich wie die Eltern oder andere Vertrauenspersonen. Eine echte, sexuelle Liebesbeziehung darf natürlich nicht entstehen", sagt Klaus Seifried.