Wie über fünfzig Leute auf sechs Gasflammen kochen sollen, fragen sich am Anfang fast alle Studenten des Leibniz Kollegs. Doch irgendwie funktioniert es. Jeder kauft selbst ein, dann werden die Vorratsschränke geöffnet und die Inhalte zusammengeworfen: Spaghetti, Tomaten, Käse – fertig ist die Kochgemeinschaft. "Das hat sich auf tolle Weise organisiert", sagt Jacob Riemer. Er ist einer der 53 Studenten, die das vergangene Jahr am Leibniz Kolleg verbracht haben. Wie sie in der Gemeinschaftsküche zurechtkamen, erscheint vielleicht nicht wichtig. Für Jacob ist es das aber doch: "Es zeigt, wie viel möglich ist mit wenig." Und das hat er in Tübingen immer wieder erfahren.

Jacob ist durch Mundpropaganda auf das Leibniz Kolleg gestoßen. Nachts um zwei erzählte ihm ein Bekannter, dass es ein einjähriges Studium gibt, bei dem Studienanfänger in unterschiedliche Fächer hineinschnuppern können. Irgendwann erinnerte sich Jacob daran, schaute sich die Internetseite an und war beeindruckt "von der Breite dessen, was man da lernen kann".

Kunstgeschichte, Medizin, Physik und Philosophie sind nur ein paar der Fächer, die Leibnizianer ausprobieren können. Sie absolvieren ein sogenanntes Studium generale. Den Stundenplan können sie sich selbst je nach Interesse zusammenstellen. Pflicht ist nur, dass sie die mindestens zwölf Wochenstunden aus verschiedenen Bereichen wählen. Sie müssen Naturwissenschaften, Geisteswissenschaften und Rechts- und Sozialwissenschaften abdecken. Schließlich sollen sie auch Fächer kennenlernen, an die sie vorher vielleicht nicht gedacht hätten.

Die meisten Dozenten sind von der Universität Tübingen. Um Einblicke in ihre Fächer zu geben und wissenschaftliches Arbeiten zu lehren, kommen sie in die Seminarräume des Leibniz Kollegs – eines großen dreistöckigen Gebäudes in der Nähe des Stadtzentrums. "Viele unserer Bewerber sagen, dass sie sich noch ein bisschen zu jung und nicht gut vorbereitet fühlen, um sich für ein bestimmtes Studienfach zu entscheiden", sagt Michael Behal, der das Kolleg seit zwanzig Jahren leitet, "ein Jahr Bedenkzeit kann eine Entlastung sein."

Nach seinem freiwilligen sozialen Jahr in Russland wusste Jacob schon, in welche Richtung sein Studium gehen sollte: irgendwas mit Osteuropa. Doch welches Fach genau, da war er unsicher. Also beschloss er, sich ein Jahr Zeit zu geben, und bewarb sich am Leibniz Kolleg. Voraussetzung dafür ist die allgemeine Hochschulreife. Die Bewerber müssen keine Topnoten haben, aber sie sollten ernsthaft am Programm interessiert sein. "Damit alle einen Nutzen haben, müssen sie sich gegenseitig etwas bieten", erklärt Behal. In den Seminaren halten die Studenten Referate, sie lernen gemeinsam in Arbeitsgruppen und Sprachkursen und organisieren Vorträge, indem sie sich Themen überlegen und Referenten dazu einladen. Die Studenten werden nicht benotet, sondern lernen und engagieren sich aus eigener Motivation heraus. Um einschätzen zu können, ob diese vorhanden ist, spricht Behal bis zu drei Stunden mit jedem Bewerber. Er möchte sie gut kennenlernen – auch, damit er hinterher eine vielfältige Gruppe zusammenstellen kann.

Denn am Leibniz Kolleg geht es nicht nur darum, ein Jahr lang gemeinsam zu pauken. Die Studenten wohnen zusammen und verbringen fast ihre gesamte Freizeit in dem Haus. Es hat etwas Großfamiliäres, das gerade Studienanfänger, die zum ersten Mal daheim ausziehen, auffangen kann. Jeder bekommt einen Hausschlüssel, mit dem er kommen und gehen kann, wann er will. Die meisten verlassen das Kolleg aber fast nur zum Einkaufen – abends trifft man sich im Partyraum oder zum Filmabend. "Es gibt fast keine Privatsphäre", sagt der 22 Jahre alte Jacob. Wenn der Gruppenkoller drohte, ist er spazieren gegangen oder für ein Wochenende nach Hause gefahren. Das passierte aber selten.

Bewerber können eine Nacht im Kolleg verbringen, um zu schauen, ob ihnen die Atmosphäre gefällt. Manche werfen einen Blick in die unordentliche Küche und können sich überhaupt nicht vorstellen, dort selbst ihre Nudeln zu kochen. Andere sind sofort begeistert vom Zusammenleben der Studenten – so wie Tanja Kreutzer. Sie ließ sich auch nicht dadurch verunsichern, dass die meisten sich zu zweit ein Zwölf-Quadratmeter-Zimmer teilen, in dem sie sich von ihren Betten aus die Hände reichen könnten. Skeptisch war sie schon, aber das hatte sich bald erledigt: "Wenn beide Rücksicht nehmen, ist das Zimmer trotzdem ein Rückzugsraum."