Wolfgang Thierse, 66, Vizepräsident des Deutschen Bundestages

Ich habe 1962 in Hildburghausen in Thüringen Abitur gemacht. Knapp ein Jahr vorher wurde in Berlin die Mauer gebaut – dieses Ereignis hat mein ganzes letztes Schuljahr überschattet. Ich erinnere mich noch sehr genau an mein Gefühl von damals: Wir waren eingesperrt in einem Land, in dem wir ja nur zufällig nach dem Krieg und der Flucht aus Schlesien gelandet waren. Das fand ich wahnsinnig ungerecht.

Dazu kam eine entsetzliche Politisierung des Unterrichts. Plötzlich mussten wir in Deutsch Aufsätze zu Themen schreiben wie "Würden Sie auch auf Deutsche schießen?". Oder zu einem Zitat von Bertolt Brecht: "Ein Gewehr ist eine gute Sache, wenn es für eine gute Sache ist." Der Lehrer, ein leidenschaftlicher, fast hysterischer Mann, forderte uns einerseits auf, unsere wirkliche Meinung zu schreiben, andererseits drohte er damit, jeden von der Schule zu werfen, der sich nicht zur DDR bekennt.

Ich wollte das natürlich nicht riskieren. Oft habe ich mich über diesen Konflikt mit meinem Vater unterhalten und am Ende versucht, einen Kompromiss zu finden, mit dem auch der Lehrer zufrieden war.

Diese angespannte Atmosphäre hat sich auch auf das Klima in der Klasse übertragen. Wir waren 30 Schüler und untereinander furchtbar zerstritten. Es gab die Kinder von SED-Parteimitgliedern und Funktionären, und es gab Schüler, die wie ich einen bürgerlichen Hintergrund hatten. Mein Vater war Rechtsanwalt, meine Mutter Erzieherin. Beide Gruppen trauten sich nicht über den Weg, man musste immer aufpassen, was man sagt, am Ende hat sich das immer mehr zugespitzt – bis heute haben wir zum Beispiel niemals ein Klassentreffen organisiert.

Auch die Abi-Feier war dann natürlich keine lustige Party, sondern mehr eine politische Veranstaltung. Als bester Schüler unseres Jahrgangs sollte ich die Abschlussrede halten. Einige Tage zuvor sprach mich ein Mitschüler an, der als strammer SEDler bekannt war, und wollte das Manuskript lesen. Ich habe mich geweigert, gesagt, ich rede lieber frei. Ich habe die Rede dann auswendig gelernt, um dieser Zensur zu entgehen. Das hat auch geklappt.

Unsere Abi-Zeitung ist dann allerdings doch verboten worden. Ich hatte dort einen bitterbösen, ironischen Text geschrieben über unsere Zukunftsaussichten, denn fast niemand aus meiner Klasse war zum Studium zugelassen worden. Wir sollten erst mal eine Lehre machen, um "uns in der Produktion zu bewähren und Kontakt zur Arbeiterklasse" zu bekommen. Als Kind aus einer Familie der "selbstständigen Intelligenz", so hieß das damals, hatte ich persönlich zunächst keine Chance, einen Studienplatz zu bekommen – in meinen Augen eine riesige Ungerechtigkeit. Der Schulrat des Kreises, der mich zum Gespräch einbestellte, sah das natürlich anders und hat den Druck der Abi-Zeitung untersagt.