Was sie beim Schreiben wirklich antreibt, kann Annemarie genau erzählen. 1990 kehrte ihre Mutter, damals schwanger mit Annemarie, aus Kasachstan nach Deutschland zurück, wo die Wurzeln der Familie sind. Zuerst nach Düsseldorf, später nach Meerbusch, und als Annemarie zehn war, ging es weiter nach Köln. Annemarie verlor die Geborgenheit der Kleinstadt. "Ich hatte den Drang, über meinen Verlust zu schreiben", sagt sie, "das zu verarbeiten, was ich meinen Freunden erzählt hätte, wenn ich damals in Köln welche gehabt hätte." Eine der Figuren in ihrem Buch hat sie so gestaltet, wie sie sich einen Vater vorstellen könnte, denn ihren leiblichen Vater hat sie nie kennen gelernt. Ihr Traum von der Schriftstellerei hatte auch immer etwas mit Aufarbeitung zu tun.

Sie schrieb zuerst mit der Hand, dann auf einer Schreibmaschine und schließlich auf dem ausrangierten Computer ihrer Mutter. Es ist ein Psychothriller geworden. Die Charaktere ihres Romans hat Annemarie sich ausgedacht, noch bevor sie die eigentliche Geschichte kannte. Beim Spielen im Kinderzimmer oder beim Essen fiel ihr ein Dialog zwischen ihren Figuren ein. Irgendwann hat sie die Figuren durch eine Romanhandlung miteinander verbunden und von da an überall geschrieben: in ihrem Zimmer, auf der Terrasse, in der Schule. "In Geschichte oder Mathe, wo ich mal lieber hätte aufpassen sollen, hatte ich einen Block dabei." Bei einer Lesung in der Aula ihrer Schule, nach der Veröffentlichung ihres Buches, hat Annemarie die Bewunderung ihrer Mitschüler gespürt. Den Respekt davor, dass sie für ihren Traum alles getan und wirklich ein Buch geschrieben hatte.

Von Anfang an wollte sie ihr Buch veröffentlichen, doch von den großen Verlagen bekam sie Absagen. Irgendwann stieß sie auf eine Anzeige eines Verlags, der Autoren suchte. "Ich habe gedacht, ich schicke das ab, und dann hat sich die Sache", sagt Annemarie. Aber vier Wochen später erhielt sie eine Antwort: Sie könne ihr Buch veröffentlichen, müsse aber dafür zahlen. "16500 Euro", sagt Annemarie, habe das gekostet. Die Mutter hat einen Kredit aufgenommen, und so konnte Die Maskenspielerin 2007 verlegt werden.

Wie es mit ihrem Buch läuft, weiß Annemarie nicht. Eine Rückmeldung des Verlags soll sie ab 1000 verkauften Exemplaren bekommen. Den zweiten Teil ihrer Geschichte hat sie fertig, bloß eine Möglichkeit, ihn herauszubringen, hat sie nicht. Wenn sie heute ihre Lieblingsbücher in die Hand nimmt, Vom Winde verweht zum Beispiel, dann fühlt sie manchmal noch die Hoffnung von früher, auch einmal die Autorin solch eines berühmten Romans zu sein. Sie dachte immer, der erste Schritt dahin sei, selbst ein Buch herauszubringen. "Als Jugendliche schon veröffentlicht zu haben ist gut", sagt sie heute, "aber es war nicht der Griff nach den Sternen, den ich mir erträumt hatte." Aber Annemarie wird weitermachen. Im Moment übt sie, Drehbücher zu schreiben.

Manchmal hat er die Müdigkeit von der einen in die andere Welt mitgenommen. Manchmal sind ihm am Montag in der Schule fast die Augen zugefallen. Wegen der Abende davor, an denen sie in Klubs auftraten, und der Nächte, die sie auf den Bänken ihres VW-Busses auf Autobahnrastplätzen verbrachten, und der Vormittage, an denen sie sich bei McDonald’s auf dem Klo nach dem Frühstück die Zähne putzten. "Die Wochenenden haben Spaß gemacht. Wir waren in einer tollen Welt", sagt Nicolas Kuri, "aber mit dem Gong zur ersten Unterrichtsstunde hörte sie immer auf zu existieren."