Lucas Frings, 20, ging für die Aktion Sühnezeichen ein Jahr nach Theresienstadt

Gleich zwei Tage nach meiner Ankunft in Theresienstadt musste ich die erste Schulklasse durch das ehemalige jüdische Ghetto führen – das war hart! Ich hatte vorher viel über Theresienstadt gelesen und mich in den zwei Tagen rund um die Uhr vorbereitet. Obwohl ich mir Notizkärtchen geschrieben hatte, war ich extrem aufgeregt. So eine Führung dauert gut zwei Stunden. Es hat gut geklappt, auch wenn es Fragen gab, auf die ich keine Antwort wusste. Da habe ich eben gesagt: Sorry, so weit bin ich noch nicht. Inzwischen kann ich fast alles beantworten. Seit letztem September bin ich nun hier in der Nähe von Prag.

Für den Zivildienst wollte ich auf jeden Fall ins Ausland. Im Internet bin ich auf die Aktion Sühnezeichen Friedensdienste gestoßen. Sie organisiert Freiwilligendienste, die als Ersatz für den Zivildienst gelten. Mir gefiel die Idee der Organisation, auch heute dafür zu sorgen, dass die Verbrechen des Nationalsozialismus nicht in Vergessenheit geraten. Nachdem ich mich beworben hatte, wurde ich zum Auswahlseminar eingeladen, wo Projekte und Länder vorgestellt wurden. Den Bereich der historischen Bildung fand ich spannend – und die Länder Polen und Tschechien. Da kannte ich weder Sprache noch Kultur. Ich bin zuständig für deutsche Gruppen, die in die Gedenkstätte, also das ehemalige Ghetto, kommen. Heute ist das fast eine normale Stadt – mit Restaurants, Banken und Kindern. Knapp 1000 Leute leben hier. Nur gibt es auch ein Krematorium, Leichenhallen und ein bisschen außerhalb ein Gestapo-Gefängnis, über dessen Eingang der Schriftzug "Arbeit macht frei" steht. Vergast wurde hier niemand, aber es ging um "natürliche Dezimierung" – also Vernichtung durch Arbeit, Hunger und Krankheit. Mit dem Gestapo-Gefängnis habe ich wenig zu tun. Ich führe überwiegend Schulklassen, die sich im Freiwilligenbüro melden, durch das Ghetto. Manchmal gibt es Eintagesgruppen, die meisten bleiben aber länger. Wir organisieren den Aufenthalt, kümmern uns um die Unterkunft und sprechen das Programm ab.

Die Gruppen sind sehr unterschiedlich. Manche Klassen trotten nur hinterher, das kann anstrengend sein. Ich versuche immer, die ganze Gruppe mitzureißen, indem ich sie einbeziehe und Fragen stelle. Ein paar Interessierte gibt es meistens doch. Besonders beeindruckt hat mich mal eine sechste Klasse aus Brandenburg. Sie hatte sich ein halbes Jahr auf Theresienstadt vorbereitet und war total neugierig. Bei den Mehrtagesgruppen machen wir auch Workshops, in denen wir zum Beispiel Einzelschicksale von jüdischen Häftlingen aufarbeiten. Außerdem organisieren wir Zeitzeugengespräche. Die tschechischen Überlebenden kommen dafür nach Theresienstadt, meistens aus Prag. Es ist schon heftig, wenn sie über ihre Zeit im Lager erzählen – gerade wenn man Deutscher ist. Sie sind aber immer sehr nett zu uns Freiwilligen: "Ihr seid nicht dafür verantwortlich, was passiert ist", sagen sie, "für die Zukunft schon, aber nicht für das Vergangene." Am Anfang, als ich mich eingearbeitet habe, war es hart, immer mit dem Thema Nationalsozialismus konfrontiert zu sein. Jetzt belastet es mich nicht mehr so sehr. Es ist bestimmt auch gut, dass ich abends rauskomme. Ich wohne in der Nachbarstadt Leitmeritz in einer WG mit einem anderen Freiwilligen. Leider ist mein Jahr vorüber. Jetzt möchte ich soziale Arbeit studieren.

Alexander Tomschke, 22, absolviert seinen Zivildienst in Bonn

Als mir die Stelle im St.-Marien-Hospital in Bonn angeboten wurde, habe ich zwei Tage lang überlegt – mit Pflege hatte ich ja noch nie etwas zu tun gehabt! Vielleicht habe ich mich dafür entschieden, weil es in meiner Familie einige Krankenschwestern gibt. Am Anfang war ich trotzdem ziemlich aufgeregt. Ein neues Umfeld, zig neue Leute – und man kennt sich überhaupt nicht aus. Damals war ich viel introvertierter als jetzt. Das mulmige Gefühl verflog aber schnell. Ich habe viele Fragen gestellt, und die Schwestern und Pfleger haben mich gut unterstützt. Ich arbeite auf einer Inneren Station.

Erst mal bin ich mitgelaufen und habe mich an das Haus gewöhnt: Wo ist die Radiologie? Wie läuft das mit dem Frühstück? Irgendwann durfte ich Blutdruck und Blutzucker messen, dann wurde mir gezeigt, wie man die Pflege dokumentiert. Da kam eins nach dem anderen. Gewöhnungsbedürftig war der Schichtdienst. Erst denkt man: Cool, hier kann ich ausschlafen, da habe ich viel vom Tag. Nach einer gewissen Zeit nervt’s. Aber es gehört eben dazu. Am liebsten mag ich Frühdienste, denn da ist am meisten los. Als Erstes ziehe ich mir die weißen Klamotten an, dann beginnt im Stationszimmer die Übergabe, in der der vorherige Dienst erzählt, was in der letzten Schicht passiert ist, damit wir wissen, auf was wir bei den Patienten achten sollen. Danach messe ich Blutdruck und Puls, erkundige mich bei den Patienten, ob sie Beschwerden haben, und helfe ihnen beim Waschen. Berührungsängste hatte ich da keine. Bei Frauen frage ich, ob es in Ordnung ist, wenn ich sie wasche. Meistens ist den Leuten das schnuppe. Wenn die Patienten dann ihr Frühstück haben, treffen wir uns zum Essen in der Küche – etwas gewöhnungsbedürftig, wenn man sich dabei auch über Durchfall und Erbrechen unterhält. Aber man härtet ab. Danach räume ich auf oder begleite Patienten zu Untersuchungen. Auf unserer Station geht es meist um Schlaganfälle, Blutdruckgeschichten und Probleme mit dem Herzen. Die meisten Patienten sind um die sechzig und älter. Es gibt aber auch Jüngere – bei denen fiel es mir anfangs besonders schwer, auf sie zuzugehen. Durch die Routine habe ich das gelernt und komme nun immer mit einem Lächeln ins Zimmer. Natürlich gibt es manchmal auch schroffe Leute, bei denen muss man auch nett bleiben. Wenn nicht viel los ist, setze ich mich aufs Fensterbrett und unterhalte mich mit Patienten – gerade wenn sie sonst niemanden haben.

Eigentlich soll man ja abschalten, wenn man das Krankenhaus verlässt. Aber das klappt nicht immer. Letzte Woche in der Nachtschicht hatte ich meinen ersten Sterbefall. Ich wusste schon vorher, dass die Patientin im Sterben lag, und habe mit einer Schwester darüber geredet, welche Aufgaben ich übernehmen muss, wenn es so weit ist. Eine halbe Stunde bevor sie gestorben ist, war ich im Zimmer und habe gesehen, wie sich Haut und Atmung veränderten. Wir haben dann die Angehörigen benachrichtigt. Kurz nach dem Tod war ich noch mal bei ihr. Danach habe ich mir schon viele Fragen gestellt: Hätte man noch etwas tun können? Es hat mich aber nicht so verfolgt, dass ich nicht mehr schlafen konnte. Ich kann mir sogar vorstellen, diese Arbeit richtig lange zu machen. Deswegen werde ich im St.-Marien-Hospital meine Ausbildung zum Pfleger anfangen.

Protokolle: Johanna Schoener