Manchmal, da wollte er alles hinschmeißen. Den ganzen Stress hinter sich lassen, den Druck, all die schlechten Noten. Dann hat er doch weitergemacht. Und ist durchgerasselt: 13 Jahre Schule und nicht mehr als den Realschulabschluss in der Tasche. "Das ist ein Scheißgefühl", sagt Florian S., 20.

Heute, ein Jahr nach dem verpatzten Abitur, sitzt Florian im Wohnzimmer seiner Eltern, in einem kleinen Ort in Schwaben . Florian heißt eigentlich nicht so, seinen echten Namen möchte er lieber nicht in der Zeitung lesen. Schließlich geht es ums Scheitern. "An der Schule, überall bekommst du doch vermittelt: Ohne Abitur wirst du nichts, ohne Abitur bist du nichts", sagt Florian.

Weniger als fünf Prozent sind es meist, die wie Florian zwar zum Abitur zugelassen werden, bei denen es aber am Ende nicht reicht. In Hessen haben es im Jahr 2009 2,8 Prozent der Abiturienten nicht geschafft, in Nordrhein-Westfalen 3,7, in Brandenburg 3,9, in Berlin 5,6 und in Sachsen 5,4 Prozent. Rosiger sieht es im Saarland aus, dort fielen nur 1,2 Prozent durch, in Thüringen 1,8 Prozent und in Bayern 1,5 Prozent. "Die Zahlen schwanken von Jahr zu Jahr, mal ist ein Bundesland weiter vorne, dann ein anderes", sagt Andrea Schwermer, Referentin in der Schulabteilung der Kultusministerkonferenz (KMK) und dort zuständig für den Bereich Gymnasien.

Florian sind solche Zahlen egal. An seiner Schule war er der Einzige, der nicht bestanden hat. In Mathe und Englisch lief es schlecht, zwei und sechs Punkte, am Ende hatte er nicht die in Baden-Württemberg nötigen 100 Punkte in seinen fünf Prüfungsfächern. "Ich hatte eine Sauwut", sagt Florian. "Aber schon als ich zur Prüfung antrat, wusste ich: Es wird knapp."

So wie Florian scheitern die meisten, die durchs Abitur fallen: Sie erreichen die notwendige Gesamtpunktzahl nicht, erzählt Max Schmidt , Vorsitzender des bayerischen Philologenverbands und Lehrer am Gymnasium in Grafing. Und er weiß auch, dass es besonders bitter ist, wenn der Abiturient denkt, es mit dem Mündlichen noch rausreißen zu können. "Da kommt es schon zu Missverständnissen. Ich höre dann: Sie haben doch so freundlich genickt, und jetzt sagen Sie mir, dass es nicht gereicht hat."

Auch Katharina Mohr, 19 Jahre alt, hoffte vor einem Jahr, ihre schlechte Note in der schriftlichen Französischprüfung mit dem Mündlichen ausgleichen zu können. Geklappt hat es nicht. Jetzt sitzt sie in einem Café in der Hamburger Innenstadt und strahlt: Im zweiten Anlauf hat sie das Abitur bestanden, mit einem Schnitt von 3,6. Das ist nicht berauschend, aber immerhin. "Für mich war klar: Ich versuche es nochmals. Mir wäre das sonst so sinnlos vorgekommen: 13 Jahre Schule und dann kein Abitur", sagt sie. Außerdem möchte sie studieren, vielleicht was mit BWL, keinesfalls was mit Französisch. "Beim ersten Mal habe ich zu wenig gelernt, wir haben halt Party gemacht. Ich dachte: Das packe ich schon irgendwie", erzählt Katharina, die ihren richtigen Namen auch nicht in der Zeitung lesen will.

Florian hat sich für einen anderen Weg entschieden, gegen den Willen der Eltern. "Ich wusste, dass ich nicht nur die Prüfung verhauen habe. Es lief ja schon die Jahre davor nicht so gut. Und ich hatte mit einem Freund wie blöd Mathe gepaukt, viel mehr ging einfach nicht", sagt er. Florian machte seinen Grundwehrdienst bei der Bundeswehr: "Ich musste erst mal einen klaren Kopf kriegen. Ich hatte mir schließlich ein Ziel gesetzt und es nicht erreicht." Trotzdem hatte er nie ein "Ich bin nichts, ich kann nichts Gefühl". Seine Leidenschaft sind Motorräder, jede freie Minute schraubt er an seiner Maschine, "ich weiß, was ich kann", sagt er. Und die Zeit beim Bund habe ihm gutgetan. An der Schule ging es immer nur um Noten, beim Bund aber zählten plötzlich andere Dinge.