Es war an einem Montagmorgen kurz vor den Sommerferien, als Metin Hakverdi sein persönliches Aha-Erlebnis hatte. Der Hamburger Bürgerschaftsabgeordnete saß in einem Klassenraum im Gymnasium Kirchdorf/Wilhelmsburg im Süden der Hansestadt, ihm gegenüber 55 Oberstufenschüler des Gemeinschaftskundekurses, mit denen er eigentlich über Stadtteilentwicklung diskutieren wollte. Doch die hatten ganz andere Fragen an ihn. "Was wird aus uns?", wollten sie von ihm wissen und: "Habt ihr uns vergessen?" Das war der Moment, in dem der Lokalpolitiker Hakverdi von den Versäumnissen der großen Politik eingeholt worden war.

Denn jetzt wird Wirklichkeit, wovor Bildungsexperten seit Jahren gewarnt haben: Die doppelten Abiturjahrgänge, eine Folge der Schulzeitverkürzung auf zwölf Jahre, strömen in die Hochschulen und Ausbildungsbetriebe der Republik. Den Anfang hat dieses Jahr das Saarland gemacht, jetzt geht es Schlag auf Schlag: 2010 Hamburg, 2011 Bayern und Niedersachsen, 2012 Baden-Württemberg, 2013 Nordrhein-Westfalen. Doch damit nicht genug: Die Jahrgänge, die sich auf ihre Abi-Prüfung vorbereiten, sind außerordentlich stark, es sind die Kinder der Babyboomer, die letzte demografische Spitze, bevor auch im Westen die geburtenschwachen Jahrgänge folgen.

Bundesweit heißt das: Die Zahl der Schulabgänger mit Abitur oder Fachhochschulreife wird nach neuen Schätzungen der Kultusministerkonferenz im Jahr 2013 auf bis zu 492.500 anschwellen, 23 Prozent mehr als 2005. Schaut man sich die Prognosen für die einzelnen Bundesländer genauer an, ergibt sich im jeweiligen Jahr des Doppelabiturs ein noch dramatischeres Bild: Für Hamburg erwarten die Statistiker 2010 satte 68 Prozent mehr Studienberechtigte als vor fünf Jahren. Im größten Flächenland Nordrhein-Westfalen schreckt die absolute Zahl noch mehr: 57.000 Schulabgänger lautet die Prognose der KMK für 2013 – zusätzlich zum Vorjahr, wohlgemerkt, eine Steigerung um 47 Prozent.

Hamburg, das als erste Millionenmetropole seinen doppelten Abiturjahrgang unters Volk bringt, wird dabei zur ersten echten Belastungsprobe für die bundesweit getroffenen Maßnahmen. Wissenschaftssenatorin Herlind Gundelach (CDU) versichert zwar, die Hochschulen der Hansestadt seien auf den Ansturm gut vorbereitet, sie könnten von 2011 bis 2015 insgesamt 1900 zusätzliche Studenten aufnehmen. Tatsächlich haben sich die Politiker von Bund und Ländern im sogenannten Hochschulpakt darauf geeinigt, zwischen 2011 und 2018 7,3 Milliarden Euro extra an die Hochschulen zu überweisen, damit die unter dem Studentenberg nicht zusammenbrechen. 275.000 neue Studienplätze bundesweit soll das Geld bringen. Doch selbst diese gewaltige Zahl könnte nicht reichen.

Hinzu kommt: Während sich die Universitäten so dank Bundeshilfen zumindest in Ansätzen auf den Ansturm einstellen konnten, hat die Bildungspolitik die Folgen für den Ausbildungsmarkt größtenteils ignoriert. Das Fehlen von dem Hochschulpakt vergleichbaren Aktionsprogrammen in den meisten Bundesländern ist umso gefährlicher, weil auch die Auswirkung der Wirtschaftskrise auf das Angebot an Lehrstellen noch nicht absehbar ist.

Könnte, dürfte, möglicherweise: Die Unsicherheit über das, was kommt, ist auch unter Bildungsforschern verbreitet. Wie viele Abiturienten werden sich um eine Lehrstelle bewerben, wenn sie ihren Wunschstudienplatz nicht bekommen? Wie viele werden stattdessen warten, eine Weltreise machen oder die Zeit mit Jobben überbrücken? Wie viele sind bereit, fürs Studium in ein anderes Bundesland umzuziehen? Genau dies sind die Stellgrößen, die über die Dimensionen von Studentenberg und Azubi-Welle entscheiden werden, und genau sie sind es, bei denen die Wissenschaftler die Aussage verweigern. "Eine Prognose aufzustellen wäre unseriös", sagt Christoph Heine vom Hochschul-Informations-System. Sein Kollege Andrä Wolter ergänzt: "Da überlagern sich zu viele Entwicklungen."

Der Hamburger Sozialdemokrat Hakverdi hat nach seinem Besuch im Gymnasium mit Parteikollegen einen Antrag in der Bürgerschaft eingebracht: Noch mehr Studienplätze, eine Offensive für Ausbildungsplätze und eine zeitliche Entzerrung der Abiturprüfungen für die doppelten Jahrgänge, so lauteten ihre Forderungen. Die schwarz-grünen Regierungsfraktionen haben ihn postwendend abgelehnt. Das heiße aber keineswegs, dass man das Problem als solches unterschätze, versichert die CDU: Man befinde sich in "intensiven Gesprächen" mit den Hochschulen und der lokalen Wirtschaft, bis spätestens Januar werde man klarer sehen in Sachen Ausbildungsplätze. 

Es ist das übliche Parteiengezerre, es ist aber auch ein indirektes Eingeständnis: dass sie alle, Opposition wie Regierung, die Welle verpennt haben, die da auf sie zurollt. Vor wenigen Wochen musste die Hamburger Schulbehörde sogar mitteilen, dass sie ihre Abiturientenprognose für 2010 zu niedrig angesetzt hatte, weil die berufsbildenden Schulen in der Statistik fehlten. So dürfte der doppelte Abi-Jahrgang die Zahlen der KMK-Statistiker noch einmal deutlich übertreffen.