Mindestens drei Äpfel täglich hat sie zur Vorbereitung gegessen. Nicht weil sie gesund sind oder gut schmecken – Karoline Vogel wollte lernen, sie zum Leben zu erwecken. Jetzt, in dem Korb am Gemüsestand, liegen eine Menge Kandidaten vor ihr. Der Händler hält ihr eine Melone hin. "Die hat Sie angelacht", schäkert er. "Ich suche nur den perfekten Apfel", sagt Karoline, ohne auf seinen Tonfall einzugehen. Es ist Ende Mai, der Tag der Aufnahmeprüfung an der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch". Vierhundert Meter weiter wird sie durch die schwere Tür des denkmalgeschützten Gebäudes in Berlin-Lichtenberg treten. In einer halben Stunde geht das Auswahlverfahren los. Dennoch nimmt sie sich Zeit, die Äpfel in der Hand zu wiegen, sie streicht über ihre Haut und prüft, ob sie gut stehen. Einer von ihnen soll sich später in den Suppenkasper verwandeln, in einer der zwei Szenen, die Karoline für die Jury vorbereitet hat.

Zwischen einem Revolver, einem Henkersstrick, roten und weißen Handschuhen landet der Apfel in Karolines alter Fototasche. Alles Dinge, die sie für die Prüfung braucht. Zehn Studenten beginnen jedes Jahr, Puppenspiel auf Diplom zu studieren. 40 Kandidaten hatten sich dieses Mal beworben, in der Endrunde im Mai waren es noch 26. Im Unterschied zu den Kommilitonen, die an der Hochschule Schauspiel lernen, stehen die Bewerber nicht selbst im Mittelpunkt. Sie müssen vielmehr beweisen, dass sie tote Sachen animieren, sie beseelen können.

Ganz schwarz ist Karoline angezogen, trägt weder Schminke noch Schmuck, nur die dunklen Haare hat sie mit einem goldenen Band zurückgebunden. Ihr Auftreten signalisiert: Ich bin bereit, im Hintergrund zu stehen. Klein und schmal ist sie, hübsch, mit Stupsnase – aber niedlich wirkt sie nicht, eher zäh. Sie ist eine, die sich überall im Schneidersitz hinsetzt, statt die Beine elegant übereinanderzuschlagen. Von Prinzessinnen hat Karoline schon als Kind nichts gehalten: "Ich fand böse Königinnen spannender." Nun, mit 22 Jahren, möchte sie vor der Jury die todessehnsüchtige Gräfin Geschwitz aus Wedekinds Lulu spielen. Puppenspiel ist mehr als Kindertheater. Auch Szenen von Kleist, Goethe und Molière gibt es später zu sehen.

Auf der Bühne fängt Karoline an zu schluchzen. Schultern und Hände beben und übertragen die Bewegung auf die kniehohe Puppe vor ihr. Einen Monat lang hat sie aus Pappmaschee, Ton, Gips, Draht, Schnüren und Schaumstoff die Gräfin Geschwitz gebastelt, sie in schwarze Spitze gekleidet, ihr eine Perlenkette angelegt und eine dicke Heißkleberträne aus den großen Augen kullern lassen. Dass Karolines Hände zittern, ist nicht zu sehen, als sie mit Revolver und Strick hantiert. Offenbar hat es geholfen, dass sie der Geschwitz in den letzten Tagen vor dem Einschlafen die Federhaare gestreichelt hat – alles klappt.

Sogar die Gedanken an den kleinen Schnaps in ihrer Tasche rücken in weite Ferne. Den Kurzen mit dem Kasperkopf drauf hat ihr der berühmte Puppenspieler Wieland Jagodzinski geschenkt – mit den Worten: "Den darfst du erst trinken, wenn du in Berlin angenommen worden bist." Zwei Kurse hat Karoline bei ihm besucht, während sie ihr freiwilliges soziales Jahr bei der Kulturinsel in Halle an der Saale machte, zu der auch ein Puppentheater gehört.