Ob Bundesrat oder Kanzleramt, wenn Wahlen anstehen, macht sich neuerdings in der Öffentlichkeit immer penetranter die platte Mahnung breit, es komme doch zuallererst auf die Qualität der Kandidaten an – nicht auf die politische Farbe. "Die Besten müssen ran", lautet der Tenor, mit dem die parteipolitisch irrlichternden Forumsmedien den Geschmack des Publikums treffen.

Und so hat sich bis tief in die Zeitungsspalten und Fernsehdiskussionen festgesetzt, was der Stammtisch immer schon zu wissen glaubte: dass es in der Politik keine Persönlichkeiten mehr gebe, dass die Amtsträger unfähiger würden und dass sie obendrein zu gut bezahlt seien.

Wie alle Pauschalurteile hat auch dieses einen schweren Makel. Es ist falsch.

Falsch ist schon die Grundannahme, dass es in einer Demokratie darum gehe, die Besten zu wählen. Denn nicht eine Elite müssen hier die Politiker abbilden, sondern die Mehrheitsverhältnisse in der Bevölkerung. Das ist anspruchsvoll genug. Die angeblich alles überragenden Persönlichkeiten der Vergangenheit waren meist bloß das Ergebnis der Mythenbildung durch ihre Nachwelten. Nicht mal Napoleon verdankte wohl seine Siege seinen vermeintlich genialen Einfällen und Dispositionen. Glaubt man Tolstoj, der mit Akribie die Kriegstechnik des großen Feldherrn untersucht hat, waren Napoleons Anweisungen keinen Deut besser als die irgendeines andern Heeresführers seiner Zeit.

Dass es heute keine alles dominierenden politischen Persönlichkeiten gibt, ist nicht das Defizit der modernen, westlichen Demokratien, sondern deren Erfolgsausweis. Ihre allererste Priorität muss ja gerade sein, wie Karl Popper treffend formulierte, "unsere politischen Institutionen so zu gestalten, dass auch unfähige und unredliche Politiker keinen großen Schaden anrichten".

In der Bundesverfassung ist diese Aufgabe fast schon idealtypisch gelöst. Eine verästelte und verzahnte Aufteilung der Aufgaben und Zuständigkeiten zwischen den verschiedenen Ebenen und Gewalten des Staates wirken als Bremssystem gegen übermäßige persönliche Ambitionen.

Als habe es diese für eine Demokratie lebenswichtige Gewaltentrennung nie gegeben, träumen viele Bürger und eine wachsende Zahl Medienleute weiterhin von den großen, guten Weisen, die die Geschicke des Landes umsichtig und gerecht leiten. Platons elitäre Idee, wonach es "kein Ende der Probleme gibt, solange nicht politische Macht und Weisheitsliebe in derselben Person vereinigt sind", hat sich unbeeindruckt von Aufklärung und Bürgerdemokratie durch die Jahrtausende gerettet.