60 Jahre Volksrepublik China: Unter jungen Chinesen ist Staatsgründer Mao bereits zur Pop-Ikone geworden © STR/AFP/Getty Images

Es soll die größte Feier werden, die das Land je gesehen hat. Seit Wochen trainieren Soldaten in eigens eingerichteten "Paradedörfern" den zackigen Marschtritt, Trainer messen gewissenhaft die Höhe der gestreckten Beine. Alles soll perfekt sein, wenn an diesem Donnerstag 180.000 Menschen zum Platz des Himmlischen Friedens in Peking ziehen, gefolgt von Panzern und allerneuestem Kriegsgerät. Präsident Hu Jintao wird die Volksrepublik preisen, die an diesem Tag ihr 60-jähriges Bestehen begeht. Und das heißt auch: die Herrschaft seiner Partei, der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh). Keine andere Partei der Welt, rühmen sich die Funktionäre, sei länger an der Macht. So ist diese Feier auch ein Fest der Überlebenden: Die KPCh hielt sich, als alle anderen untergingen, die Sowjets und der gesamte Ostblock. Keiner freilich wird zugeben, dass die KPCh nur auf eine Art überleben konnte: indem sie den Sozialismus über Bord warf.

Und inmitten all des Feierns und Jubelns wird stumm der eine liegen, mit dem das alles begann, in einem Mausoleum, das viel zu groß für seinen kleinen Körper ist, den Leib hundertmal geschminkt, hundertmal geflickt, denn damals, als man ihn präparierte, wusste keiner so recht, wie das ging; man spritze zu viel Flüssigkeit, bis die Haut an der Wange riss. Unzählige stehen Tag für Tag an, um einen kurzen Blick auf ihn zu werfen: Mao Tse-tung, der Große Vorsitzende, der Gründer der Volksrepublik. Und wenn ihn Hu Jintao preisen wird an diesem Tag, wird er viel von dem sprechen, was sie verbindet, nämlich der Wunsch, China groß und mächtig zu machen. Eine Frage aber wird er vermeiden: Was hat das China von heute mit Maos Visionen von Gleichheit und Sozialismus zu tun?

Wer ist dieser Mann für die Chinesen von heute? Interessiert sich noch jemand für ihn?

Es war ein müdes, hungriges Volk, dem Mao am 1. Oktober 1949 die Gründung der Volksrepublik verkündete. Gezeichnet von Jahren des Bürgerkriegs, der japanischen Invasion und einem schwindelerregenden Niedergang, den sich keiner so recht erklären konnte. Es war gerade einmal hundert Jahre her, dass China ein mächtiges Reich gewesen war, bis die Briten kamen und es im Opiumkrieg bezwangen. Andere Mächte folgten. Und das Reich begann zu taumeln.

"Das chinesische Volk ist ein weißes Stück Papier, um darauf zu zeichnen"

Von Mao erhofften sich die Menschen Einheit, einen vollen Bauch und Frieden. Er schenkte ihnen die Genugtuung, sich vom Einfluss fremder Mächte befreit zu haben, auf den Frieden aber sollten sie lange warten. Es war Maos Eifer, seine Überzeugung, dass der revolutionäre Mensch im Feuer des Aktivismus geboren werde, die sein Land nicht zur Ruhe kommen ließen. Das chinesische Volk, sagte er einst, sei wie ein weißes Blatt Papier, auf das man die schönsten Zeichen malen könne. Maos Wunsch, China über Nacht zur Industrienation zu machen, der Große Sprung nach vorn 1958, forderte 20 Millionen Hungertote. Seine Kulturrevolution zerriss das Land zehn Jahre lang.

Als sich Deng Xiaoping nach Maos Tod 1976 an die Macht lavierte, hatte er allen Grund Mao aus dem Pantheon der Partei zu verbannen – Deng und seine Familie hatten schwer unter der Kulturrevolution gelitten, sein ältester Sohn sitzt ihretwegen im Rollstuhl. Aber Deng wusste, dass er Mao brauchte, um die Legimität seiner Partei aufrechtzuerhalten.

Mao, so hieß es fortan offiziell, habe zu 70 Prozent richtig und zu 30 Prozent falsch gelegen. Was krude klingt, ist in Wahrheit eine sehr kluge Formel. Ermöglicht sie doch der Partei, Maos Ruhm für sich zu beanspruchen und sich gleichzeitig von seinen Schandtaten zu distanzieren – ohne sie genauer zu untersuchen und die Partei damit in Verlegenheit zu bringen. Teile von Maos Wirken wurden gleichsam der Geschichtsschreibung entzogen.