Bald ist es wieder so weit, und die Schneeflocken tanzen, wirbeln zart umher, rieseln in sanftem Rhythmus hernieder und hüllen alle irdischen Schrunden in den vergänglichen Mantel überirdischer Schönheit. Ein Szenario, das fast von selbst ein musikalisches Phänomen zu sein scheint, ein Tanz der getupften Töne in kalter, gedämpfter Luft. Als der dänische Komponist Hans Abrahamsen – 1952 in Kopenhagen geboren – seinem einstündigen Zyklus den Titel Schnee gab, stand ihm aber nicht die Idylle unendlicher weißer Landschaften vor Auge und Ohr, sondern die unerschöpfliche Vielfalt von Formgesetzen, die den sechsgliedrigen Schneekristall ebenso hervorbringen wie das Verwandlungstableau einer Escher-Grafik (die Abrahamsen hoch schätzt) oder das Leitmotiv von Johann Sebastian Bachs Kunst der Fuge. Sollte der Schneekristall ein Gegenstück in der Musik haben, dann ist es der Kanon, jenes kontrapunktische Gebilde, das sich von vorne nach hinten, von oben nach unten und von kreuz nach quer lesen und spielen lässt.

Die Idee zu seinen zehn Kanons und drei Intermezzi (2006 bis 2008) kam Abrahamsen, als er Kanons aus Bachs Spätwerk instrumentierte und von der Vielgestaltigkeit des immer Ähnlichen, aber nie Gleichen, geradezu hypnotisiert wurde. Er überlagerte stets an perfekter Symmetrie vorbeischrammende melodische Formeln mit fein ausgehörten Hauch- und Raschelklängen zu einem betörenden Vexierspiel. Kanons tendieren allgemein zum Minimalismus, es ist bei Abrahamsen aber nicht der maschinelle, der seine Figuren mechanisch abspulen lässt, sondern eben der eines Schneegestöbers.

Das Ensemble Recherche spielt den Zyklus – trotz seines 25-jährigen Dienstjubiläums – frisch wie am ersten Tag. Mit zarter Delikatesse zeigt es das nötige Gespür für Schnee, gibt aber auch die zupackende Spielart, wenn sich, wie in Canon 4a, die Partien zu einer handfesten Schneeballschlacht entwickeln. Neue Musik scheint jung zu halten, jedenfalls hält das Ensemble nach wie vor seine stets hohe, schwindelerregende Präsenz. Es schlägt auch gerne Querfeldeinverbindungen der besonderen Art, denn nahezu zeitgleich hat es ein Programm mit vier frühen Stücken von Karlheinz Stockhausen aufgenommen. Was zunächst nach einem denkbar größten Kontrast aussieht, erweist sich frappierend vergleichbar. Verfehlt, wer bei Stockhausens Jünglingswerken – 1952 war er gerade einmal 24 Jahre alt – in vorauseilender Sorge eine enervierend-hektische Modernität erwartet. Sein Schlagtrio für Klavier und sechs Pauken entfaltet kein Gedonner und kein Gedröhn. Hier treten die Pauken als Melodieinstrument auf, und wenn ihnen das Klavier nach einem Drittel des Stücks das Spielfeld übergibt, lassen sie Melodietropfen wie Schneeflocken vom Himmel fallen und im ruhigen Wirbel den Raum ausfüllen. Refrain (1959) hat schon durch die Klanglichkeit von Celesta, Vibrafon und Glockenspiel eine kühl-winterliche Anmutung, und Kontra-Punkte (1953) ist zwar schon ein heftigeres Gestöber, aber auch hier überwiegt das Spiel der Einzeltöne, die sich in stets neuen Figuren paaren. Fast will es scheinen, als würde das Gesetz einer verbindlichen Konstruktion (bei Stockhausen hat jedes Ereignis seinen genau berechneten Platz), gepaart mit schöpferisch-chaotischer Fantasie, zur berückenden Vielfalt führen – in der Natur wie in der Musik gleichermaßen.

So gewinnt die wärmende Schneelyrik von Abrahamsen vertrauliche Nähe zu der kühlen Hitze des Feuerkopfes Stockhausen, und es wehen einem nicht nur die Flocken um die Ohren, es rieseln auch die Schuppen von den Augen – bei diesem Tanz der Kontra-Punkte, Melodieflocken und der kreisenden Zeit.

Karlheinz Stockhausen: Kontra-Punkte, Refrain, Zeitmasze, Schlagtrio (Wergo 6717)
Hans Abrahamsen: Schnee (Winter & Winter 910159)