Das Gute an dem Sieg von Schwarz-Gelb könnte sein, dass er Widerstandskräfte weckt und die geistige Szene repolitisiert. In nicht wenigen ehemals treuen SPD-Wählern, die nunmehr treulos wurden oder sich der Wahl ganz enthielten, regt sich jetzt Reue: Strafe musste zwar sein, aber dass sie so vernichtend ausfalle, war dann doch nicht gewollt. Dass die Partei, die einen wesentlichen Teil der deutschen Geschichte mitgeschrieben hat, in manchen Wahlkreisen dort gelandet ist, wo am Ende der Tabelle Splittergruppen ihr kümmerliches Dasein fristen, ist noch gar nicht ganz begriffen. Statt der Häme, die bei Niederlagen nicht ausbleibt, zeigt sich nun ein sprachloses Erschrecken – natürlich nicht bei allen, aber doch bei jenen, die ein Bewusstsein davon haben, dass Politik nicht gelingen kann, wenn sie im Dschungel der Partialinteressen sich verheddert, ohne eine Vision des Gesamtwohls zu haben.

Dass es ein Gesamtwohl gebe, war der Lebensgrund der Volksparteien. Beider Verluste sind dramatisch. Bei der CDU betrug die Zahl der Zweitstimmen 1990 noch 17 Millionen, bei der SPD 15,5. Jetzt ist die CDU bei 11,8 Millionen angelangt, die SPD bei 9,9. An das Versprechen, das beide einst gaben, nämlich für eine die verschiedensten Schichten und Milieus überwölbende Idee zu stehen, glaubt nur noch eine Minderheit. Je mehr die großen Parteien davon reden, "für unser Land" zu wirken, je stärker Angela Merkel darauf beharrt, "Kanzlerin aller Deutschen" zu sein, desto klarer wird, dass dieses Land in Interessengruppen zerfallen ist. Offenbar gibt es kein übergeordnetes Postulat mehr, das Zahnärzte, Kassiererinnen und Studenten, Immobilienbesitzer, Banker und Arbeitslose miteinander in Verbindung bringen könnte.

Dabei liegt auf der Hand, dass Demokratie ohne soziale Gerechtigkeit nicht funktioniert. Aus diesem Gedanken hat die SPD von Anbeginn ihre Kraft gewonnen, und man muss es tragisch nennen, dass sie in dem berechtigten Wunsch, den Sozialstaat bezahlbar zu halten, und in dem irrigen Glauben, den Beifall der Bosse zu finden, eine Politik gemacht hat, die ihre Anhänger als Verrat empfinden mussten. Verrat! Keine Partei wird von diesem Vorwurf so unerbittlich heimgesucht wie die SPD. Man könnte sich daran erinnern, dass sie uns nicht nur ab und zu verraten hat, sondern dass wir nicht wenige der sozialen Errungenschaften und Freiheitsrechte, die heute für selbstverständlichen Besitz gehalten werden, ihr verdanken.

Dankbarkeit ist keine politische Kategorie, wohl wahr. Aber Gedächtnislosigkeit ist ein politischer Fehler. Ihn begehen nicht wenige Intellektuelle und Künstler. Zwar war es eine Schnapsidee, den Theatermacher Claus Peymann darum zu bitten, das Fernsehduell zwischen Merkel und ihrem Herausforderer Steinmeier zu kommentieren. Aber was er dann sagte – Politiker wie Sarkozy oder Berlusconi seien halt doch interessanter –, ist Ausdruck einer keineswegs seltenen Frivolität, die ihre Tage endgültig hinter sich hat. Der Spaß ist vorbei, und wenn die Sprachlosigkeit erst einmal gewichen ist, wenn wir verstanden haben, was da wirklich passiert ist, wird es wieder einen ernsthaften Streit darüber geben, wohin dieses Land will. Und die SPD wird dabei eine Rolle spielen.