Deutschland verwildert. Biber sind an die Seitenflüsse der Elbe zurückgekehrt und bauen wehrhafte Burgen an der Seege und der Jeetzel, Luchse machen den Harz unsicher, Wildkatzen reißen Schafe im Kyffhäuser, Elche marodieren durch nordhessische Wälder, Bären dringen über die Alpen in arglose deutsche Lande. Und die Wölfe! Erinnert sich noch jemand an das Lied von Franz Josef Degenhardt? "August der Schäfer hat Wölfe gehört, / Wölfe mitten im Mai / – zwar nur zwei – / doch der Schäfer, der schwört, / sie hätten zusammen das Fraßlied geheult, / das aus früherer Zeit…" August der Schäfer hat recht behalten, und jetzt kommen sie aus dem Osten, woher sonst, leibhaftige Wölfe, und wer sich da nicht fürchtet, muss ein Rotkäppchen sein. Sogar die Großstädte fallen in die Wildnis zurück, Wildschweine verwüsten Grünanlagen, Füchse jagen Kaninchen im Stadtpark, und in Berlin streunen Waschbären durch Tiefgaragen. Nun gut, von Berlin durfte man nichts anderes erwarten, das war schon immer ein höchst unsicherer Vorposten am Rande der Zivilisation.

Gefährlicher noch als der Einbruch der Wildnis aber sind ihre Propagandisten. Sogenannte Naturschützer fordern, dass Autobahn- und Eisenbahnbrücken begrünt und den Tieren als "Korridore" angeboten werden sollten. Damit der Wolf schneller ins Schlafzimmer der Großmutter gelangt? "Wehret den Anfängen!" zu rufen ist längst zu spät. Schon hat das Wölfische von der Gesellschaft Besitz ergriffen, längst beherrschen bibergleiche Raffgier, elchmäßige Dummheit und luchshafte Tücke das ganze Land. Unser Land! Das haben wir in diesem Wahlkampf gelernt, davon haben doch alle Parteien gesprochen, von "unserem Land". Und was ist daraus geworden? Dass man S-Bahnhöfe besser meidet, weiß inzwischen jeder. Werwölfe, Wiedergänger und Hexen treiben verkleidet und unerkannt in den Korridoren der Konzerne, der Fernsehanstalten und Parteizentralen ihr Unwesen. Auch das weiß man. Aber wer friedfertig in grüner Au sich erbauen will, im dunklen Tann seinen Trost sucht, auf den lauern Biber und Wolf. Wie endet Degenhardts Lied? Augusts Warnung verhallt ungehört: "Wer hört schon auf einen alten Hut / und ist auf der Hut – und ist auf der Hut." Lieber wird man selber zum Wolf, da weiß man, was man hat.