Am Sonntagabend um kurz nach sieben hat Sigmar Gabriel schon Abschied genommen von seiner Karriere als Bundespolitiker. Mittags war er nach Berlin gefahren, am Nachmittag trafen sich im Willy-Brandt-Haus die Mitglieder aus Steinmeiers Kompetenzteam, das Schattenkabinett. Gemeinsam verfolgten sie das Debakel. Schnell stand fest: Wer bislang kein Minister war, würde es so bald nicht mehr werden. Und wer noch Minister ist, muss sich demnächst nach einem neuen Job umsehen. Zukunftspläne zerfielen innerhalb von Minuten.

Als die Hochrechnungen die SPD unter 23 Prozent notierten, rechnete auch Sigmar Gabriel mit dem Schlimmsten. Umweltminister konnte er ohnehin nicht bleiben, nun ging es darum, ob er überhaupt noch im nächsten Bundestag Platz finden würde. "Das war’s. Bei 22,5 Prozent bin ich meinen Wahlkreis los", simste er seinem Büroleiter, der daheim in Wolfenbüttel wartete. Dann stieg er in seinen Dienstwagen und fuhr los.

Zwei Stunden später steht Sigmar Gabriel auf einer kleinen Bühne, über ihm schweben ein paar rote Luftballons. Die SPD hat zur Wahlparty in einen Strandclub geladen, so etwas gibt es jetzt auch in Wolfenbüttel. Gabriel trägt ein dunkelblaues Polohemd, darüber eine braune Strickjacke. Seine linke Hand steckt in der Hosentasche. "Das ist ja nicht so ’n schöner Abend für die deutsche Sozialdemokratie", beginnt er seine kurze Rede. Dann huscht ein Lächeln über sein Gesicht: "Ich wollte den Zirkus um die Listenplätze nicht mitmachen – und ihr habt alle Schiss gehabt!"

Die SPD hat verloren, aber Sigmar Gabriel hat gewonnen. Und wie!

Der Mann, der schon viel zu lange als Talent gilt, hatte alles auf eine Karte gesetzt. Er hatte auf einen sicheren Platz auf der Landesliste verzichtet, weil ihn das Hickhack in der zerstrittenen Niedersachsen-SPD nervte. Er hat die Bedenken seiner Freunde und Mitarbeiter ignoriert, obwohl er wusste, dass der Wahlkreis, in dem er antrat, keineswegs sicher an die SPD gehen würde. Nun schaut er fast ein wenig ungläubig auf den Bildschirm, auf dem nach und nach die Ergebnisse aus den Stimmbezirken seines Wahlkreises einlaufen. Am Ende sind es fast 45 Prozent der Erststimmen, die Gabriel gewonnen hat, 12 Prozentpunkte mehr als sein Konkurrent von der CDU. Und, was bei den Diskussionen in den folgenden Tagen in Berlin noch wichtiger sein wird: Er liegt 15 Prozentpunkte über dem Ergebnis der SPD in Niedersachsen, mehr als 20 Prozentpunkte über dem, was die SPD und ihr Spitzenkandidat Frank-Walter Steinmeier im Bund erreicht haben. Ausdrücklich bedankt sich Gabriel daher auch bei den Wählern, "die mit der Zweitstimme nicht SPD gewählt haben".

Gabriel ahnt in diesem Moment, dass er mit diesem Ergebnis – es ist das fünftbeste für einen SPD-Kandidaten in ganz Deutschland – einen wichtigen Punkt gemacht hat. Er weiß, dass es für die anderen in der Partei, für die Nahles', Scholz' oder Wowereits, die schlechter abgeschnitten haben als er, nun schwer wird, ihn zu übergehen. Er hofft, das er dabei sein wird, wenn die wenigen Ämter verteilt werden, die der SPD noch geblieben sind. Aber sicher ist er sich seiner Sache nicht. Wie sollte er auch! Steinmeier hat schon erklärt, dass er den Fraktionsvorsitz übernehmen will – wieder ein Job weniger, den er sich zugetraut hätte. Nun bleibt nur noch der Parteivorsitz. Ausgerechnet der Parteivorsitz.

Sigmar Gabriel hat mit der SPD schon viel erlebt – und sie mit ihm. Dass er einmal SPD-Vorsitzender werden würde, hätten selbst die, die seine Fähigkeiten schätzen, noch bis vor Kurzem für eine abenteuerliche Idee gehalten.