Dieser Film ist reiner Rhythmus. Er bildet seinen Takt aus Blicken, Schritten, Handgriffen, aus dem Wechsel von Schweigen und Sprechen. Er folgt einem Helden, der kein Wort zu viel, aber auch keins zu wenig sagt und das Entscheidende ganz zuletzt.

Rhythmus, das meint hier vor allem: der Rhythmus eines Lebens. In dem uruguayischen Film Gigante spielt sich dieses Leben im Wesentlichen vor den Überwachungsmonitoren eines Megasupermarktes ab. Allnächtlich sitzt hier Jara, hört Heavy-Metal-Musik und löst Kreuzworträtsel. Trotz seines wuchtigen Körpers hat der junge Mann etwas Unerwachsenes, wie ein Riesenbaby, das in die Welt geschubst wurde. Hin und wieder wirft er Blicke auf die Lagerarbeiter, Putzfrauen und anderen Wachmänner, blaue Schatten, die die Überwachungsbilder durchqueren. Inmitten dieses videograuen Alltags, zwischen nächtlichem Schichtwechsel und mitgebrachten Butterbroten, gelingt es dem Regisseur Adrián Biniez, eine comédie humaine zu erzählen. Und eine Liebesgeschichte, die so zart ist, dass man sie zunächst kaum bemerkt.

In wenigen Szenen deutet sich an, dass Jara ein wenig anders ist als andere Wachmänner. Wenn eine Putzfrau Nudeln und Reis mitgehen lässt, vermag ihn dies nicht von der Suche nach einem Fluss mit fünf Buchstaben abzulenken. Wenn die lüsternen Kollegen auf den Po einer Verkäuferin zoomen, senkt er den Blick. Und wenn die Kamera dem Sonderling nach der Arbeit nach Hause folgt, rundet sich eine ewig spätpubertäre Existenz: Jara hat keine Frau, aber eine Schwester und einen kleinen Neffen, mit dem er Videospiele spielt. Zum Einschlafen schaut er medizinische Ratgebersendungen. Es ist ein Dasein im Angesicht von Monitoren und Bildschirmen, ein Leben aus zweiter Hand.

Nebenbei entfaltet sich zwischen Kantine, Kühlregalen und Wachstube die kleine Welt des Supermarktes und seines Personals. Man lernt den unsympathischen Chef kennen, die Kollegen und ihre sexuellen Orientierungen. Man taucht tiefer ein in den Rhythmus von Umkleide, Schichtwechsel und Putzfrauenschritten auf Linoleum. Bei Kantinengesprächen wird klar, dass ein Arbeitskampf und wahrscheinlich auch Entlassungen bevorstehen. All dies erzählt der Film sparsam, lakonisch, mit einer Kamera, die immer lange genug stehen bleibt, um der Komik im Unkomischen Raum zu geben. Und mit Gesten, die auf minimalistische Weise beredt sind. Am sparsamsten agiert Horacio Camandule in der Rolle des titelgebenden Giganten. Ruhig und massig schreitet er durchs Bild, ein Monolith in blauer Uniform. Aber langsam gerät sein Gesicht in Bewegung.

Alles beginnt mit einer Szene des klassischen Kino-Suspense. Jara beobachtet eine junge Putzfrau, die sich beim Wischen rückwärts auf eine Klopapier-Pyramide zubewegt. Je näher sie kommt, desto breiter wird sein Grinsen. Als die Pyramide einstürzt, hört man ihn zum ersten Mal lachen. Von nun an wird er die Ungeschickte auf den Monitoren suchen, ihre Bänder sogar zu Hause betrachten.

Man muss sich einfach anschauen, wie sich der Blick des Riesenbabys fast unmerklich verwandelt. Wie er vom Beobachter zum Verliebten wird. Wie er erst interessiert, dann besorgt, dann immer aufgeregter nach der Putzfrau schaut. Und wie er ihr schließlich nicht nur auf dem Bildschirm folgt, sondern heimlich auch privat, ins Kino, zum Sport, ins Internetcafé. Es ist eine Bewegung vom Bildschirm ins Leben. So lernt man, gewissermaßen aus vorsichtiger Distanz, Julia kennen, die Monsterfilme mag, Judo lernt und im Internet nach einem Mann sucht.