Azad Singh hat sich nach dem Aufstehen Gesicht und Oberkörper gewaschen, im Hof, mit kühlem Wasser aus dem Steinkrug. Er hat lange weiße Kleider angelegt, die ihn vor der Sonne schützen, und kurz gefrühstückt: Linsen mit Fladenbrot. Jetzt sitzt Singh mit einem Glas süßen Milchtees auf einem Plastikstuhl im Schatten vor der Hoftür.

Singh – 54 Jahre alt und Oberhaupt einer elfköpfigen Familie – ist im Grunde ein ganz gewöhnlicher indischer Bauer. Er hat im Mai Sonia Gandhi und ihrer Kongress-Partei seine Stimme gegeben und auf diese Weise mitgeholfen, sie im Amt zu bestätigen. Er ist kein Querschläger. Aber er spürt eine tiefe Veränderung in seinem Leben. "Etwas stimmt nicht", sagt Singh in seinem Plastikstuhl. Was, das wird er im Laufe dieses Tages zeigen.

Es ist kurz nach sieben Uhr. Der neunjährige Enkelsohn Nitin Kumar Singh tritt mit blauen Hosen, weißem Hemd und Schulranzen auf die sandige Dorfstraße. Der Junge hat einen langen Fußweg über die Felder ins nächste Dorf vor sich. Die Schule hat aber schon um sieben Uhr angefangen. Es ist eine Privatschule, die Familie zahlt dafür umgerechnet 450 Euro im Jahr, ein Vermögen. Aber der Großvater drängt den Sprössling nicht, er schaut ihm ruhig hinterher, als er sich mit ein paar Nachbarjungen ohne Eile auf den Weg macht.

Das ist typisch für Singh. Er ist keiner, der andere hetzt, und keiner, der sich hetzen lässt. Singh ist freier, selbstständiger Bauer. Er führt einen von 120 Millionen indischen Bauernhaushalten. 700 Millionen Menschen gehören ihnen an, viel mehr als die EU Einwohner hat. Singh ist arm, hat nicht einmal eine Toilette im Haus, muss für eine große Familie sorgen. Aber er wirkt wie sein eigener Herr. Er lässt sich von seiner Schwiegertochter eine Schale Joghurt vor die Hoftür bringen, schaut ihr zu, wie sie seine zwei nilpferdgroßen Wasserbüffelkühe füttert und zur Tränke aufs Feld führt. Er erzählt von den Jats, seiner Kaste, die früher im Kampf oft Krieger stellte. "Auch im letzten Krieg gegen Pakistan haben wir die meisten Toten gezählt", sagt Singh. Er ist traditionsbewusst. Man muss ihm lange zuhören, bevor er eine Frage beantwortet.

Singh zählt nicht zu den Aufsteigern im Dorf, die es zu einem Traktor gebracht haben. Aber er ist auch kein Verlierer. Er fährt ein solides Motorrad von Honda, sein ältester Sohn Surender, der Vater von Nitin Kumar, hat einen Mittelschulabschluss hingelegt. Das ist in seinem Dorf Bunghla im nordindischen Bundesstaat Haryana mit einer Analphabetenquote von 70 Prozent die Ausnahme. Hier besitzt Singh 1,4 Hektar Land. Damit zählt er zu den größeren Bauern in Bunghla, aber auch zur Masse armer Kleinbauern: 82 Prozent aller Höfe in Indien verfügen über weniger als zwei Hektar.

Singh schiebt seinen Stuhl weg. Er hat weiße Haare, schwingt sich aber wie ein Jugendlicher aufs Motorrad. Die kleine Landstraße, die er nimmt, ist asphaltiert. Das zeugt von Haryanas neuem staatlichen Reichtum, den es den Investoren aus der nahen Hauptstadt Delhi verdankt. Zudem war Haryana immer eine der Kornkammern Indiens. Doch als Singh vor seinen Feldern steht, ist sein Blick düster: Vor ihm liegt nichts als hellbraune, sandige Erde. Dabei wäre jetzt die Sommerernte fällig. Aber Singhs Saat vertrocknete, weil der Monsunregen ausblieb. Ein zweites Mal wollte er nicht säen, wegen der hohen Saatkosten und unsicheren Wetterprognosen. Sein Nachbar säte trotzdem und hatte Glück: Ende August kam der Regen doch noch und ließ die Keimlinge aufgehen. Nun muss Singh an diesem Morgen zuschauen, wie die Frauen der Nachbarfamilie mit der Handsichel die Perlhirse ernten.