Ina Leukefeld fährt auf der Autobahn, irgendwo zwischen Erfurt und Suhl, sie rast immer tiefer in den Thüringer Wald hinein. Sie ist mit ihren Gedanken nicht am Steuer. Sie sitzt noch einmal im Tivoli, jenem Suhler Lokal, in dem sie vor mehr als drei Jahren öffentlich aus ihrer Stasi-Akte vorgelesen hatte. Der Raum war voll, die Atmosphäre angespannt. Immer wieder erhoben sich Leute aus dem Publikum, um Ina Leukefeld offen ihre Wut und Ablehnung darüber zu zeigen, wie sie an diesem Abend mit ihrer Vergangenheit umging. Einige waren den Tränen nahe.

Im Frühjahr 2006 hatte die Landtagsabgeordnete der Linken in Suhl für das Amt der Oberbürgermeisterin kandidiert. Alle Umfragen vor der Wahl wiesen sie als Gewinnerin aus. Dann tauchte plötzlich ihre komplette Akte auf; wurde ihre anderthalbjährige Tätigkeit als IM "Sonja" für die Kriminalpolizei der DDR, die sie bereits im OB-Wahlkampf 2000 und im Landtagswahlkampf 2004 zum Thema gemacht hatte, in allen Einzelheiten bekannt. Ihr war klar, dass sie mit dieser Akte nun selbst an die Öffentlichkeit treten würde.

"Ich musste es tun. Die Leute sollten doch wissen, mit wem sie es zu tun haben", sagt sie heute, obwohl Freunde ihr damals abgeraten hatten. Das bringt nichts, war deren Argument. Leukefeld verlor die Wahl.

Seit zwei Wochen scheiden sich die Geister abermals an Ina Leukefeld. Wieder weht ihr der Wind der Ablehnung und Verachtung entgegen. Nachdem Die Linke bei den Landtagswahlen zweitstärkste Kraft geworden ist, führt sie Sondierungsgespräche zur Bildung einer rot-rot-grünen Koalition. Zu den fünf Verhandlungsteilnehmern der Linken sollte Leukefeld als arbeitsmarktpolitische Sprecherin gehören.

Sie drängte nicht auf diesen Platz, sie hat ihre Parteifreunde gewarnt: "Ihr müsst wissen, was ihr tut. Ihr wisst, wer ich bin." Dennoch entschied sich der Landesvorstand, dem sie als stellvertretende Landesvorsitzende angehört, für die Politikerin, die in ihrem Südthüringer Wahlkreis 39,4 Prozent der Stimmen bekam und mit großem Abstand das Direktmandat gewann. Bei der Landtagswahl fünf Jahre zuvor hatte sie 42,2 Prozent erzielt. Nur im OB-Wahlkampf 2006 war sie auf 21,5 Prozent abgesackt. Drei Tage vor der Abstimmung war sie von einem Gremium des Landtages für "parlamentsunwürdig" erklärt worden. Dieses moralische Verdikt jedoch, entschied der Thüringer Verfassungsgerichtshof im Juli dieses Jahres nach einer Klage Leukefelds, könne anders als auf IMs der Staatssicherheit nicht auf sie als IM der Kriminalpolizei angewendet werden.

"Ich habe nicht gespitzelt", sagt sie. Aber ihre Berichte gehen weit

Die Grünen drohten dennoch mit dem Abbruch der Gespräche. Die Landessprecherin Astrid Rothe-Beinlich sagte, sie gehe davon aus, dass "niemand mit Stasi-Belastung mit am Tisch" sitzen werde. Mit einiger Verzögerung gab auch die SPD unter Führung von Christoph Matschie bekannt, aus den Verhandlungen auszusteigen – wegen Ina Leukefeld. Ihr Druck hatte Erfolg: Ina Leukefeld wird nicht bei den Koalitionsgesprächen dabei sein, sie verzichtet auf ihre Position. Aber damit ist die Frage, wie man mit belasteten Biografien umgehen sollte, längst nicht beantwortet. Vielmehr wird sie sich bald schon der ganzen deutschen Gesellschaft stellen – wenn SPD, Grüne und Linke künftig tatsächlich auf eine Zusammenarbeit im Bund zustreben sollten.

Wer ist diese Frau? Was will sie? Und warum tut sie sich diesen Kampf immer wieder aufs Neue an?

In den Augen der Opfer mag es höhnisch wirken, aber Ina Leukefeld geht es in gewissem Sinn um Aufrichtigkeit. Sie versucht, die Linien ihres Lebens vor 1989 mit denen danach zusammenzubringen. Ihre damalige Lebenslüge nicht einfach ad acta zu legen. Sie muss, weil sie über den Systemwechsel hinaus politisch aktiv bleiben will, sich vor den Augen der Öffentlichkeit schmerzhafte Fragen stellen lassen. Immer wieder, seit vielen Jahren schon. Es gibt nicht viele, die in den letzten 20 Jahren derart der Versuchung widerstanden, ihre in die Diktatur verstrickte Biografie nachträglich zu beschönigen und den neuen Verhältnissen anzupassen.

 

Ihr kleines Büro unter dem Dach des Fraktionsgebäudes ist aufgeräumt. Gimmicks der Linken liegen herum, Aufkleber, Sticker, rote Flaschenöffner. Eine kopierte Seite aus einer Tageszeitung hängt an der Wand. Die Einkommens- und Vermögensunterschiede zwischen Ost und West sind dort bis auf den Cent für jedes Bundesland aufgezeichnet. Sie sind gewaltig und lassen die ehemaligen Grenzen des vereinten Landes noch einmal in harter Währung lebendig werden. Sie sind das, was Ina Leukefeld in die Politik treibt.

Die politische Karriere von Ina Leukefeld beginnt bereits in der DDR, und sie verläuft steil nach oben. Mit 19 Jahren tritt sie nach ihrer Lehre als Finanzkauffrau eine Stelle im Stadtrat von Suhl an. Mit 25 wird sie Mitglied der SED, sechs Jahre später Stadträtin für Jugendfragen, Körperkultur und Sport. Zu ihrem Aufgabengebiet gehört es unter anderem, sich um die Wintersportstätten im Kreis Suhl zu kümmern. Sie leitet die örtliche Jugendpolitik und ist verantwortlich für den Ferienlager-Betrieb.

Dass bei dieser Arbeit stets ein Kollege der Polizei und einer von der Staatssicherheit dabei waren, beschreibt sie als Normalität. Von der Nähe beider Organe habe sie nichts gewusst. Als im Februar 1985 die ersten Anwerbegespräche stattfinden, haben diese Treffen zwar einen konspirativen Charakter, gleichzeitig jedoch konnten sie aufgrund der ohnehin bestehenden offiziellen Kontakte ohne besondere Vorkehrungen stattfinden. Als sie sich einen Decknamen geben soll, wundert sie sich und weist den Kollegen darauf hin, dass er "sämtliche Informationen auch über den offiziellen Dienstweg des Rathauses erhalten" könne. Schließlich aber stimmt sie zu. Sie nennt sich "Sonja".

In ihrer Verpflichtungserklärung vom 5. Juni 1985 schreibt sie: "Ich werde alle mir erteilten Aufträge diszipliniert, verantwortungsbewusst und unter Einhaltung der mir bekanntgegebenen Verhaltensregeln nach bestem Wissen und Können erfüllen." Von diesem Tag bis zum 30. Juni 1986 sind elf Treffen mit einem Führungsoffizier und sieben handschriftliche Berichte aus der Feder von Ina Leukefeld dokumentiert.

Darin berichtet sie über Maßnahmen zur Sicherung von sportlichen Wettkämpfen und öffentlichen politischen Großveranstaltungen wie dem Pfingsttreffen der FDJ. Sie erklärt sich bereit, deren reibungslosen Ablauf zu kontrollieren. "Ich habe nicht gespitzelt", sagt Leukefeld. "Ich wusste es aus meinen Arbeitszusammenhängen, und nur darüber habe ich berichtet." Aber ihre Berichte gehen weit. Sie schätzt die politische Einstellung von Jugendlichen des örtlichen Jugendclubs ein, sie berichtet, dass diese den Fragen des Sozialismus gleichgültig gegenüberstünden. Sie informiert über die möglichen persönlichen und politischen Beweggründe sogenannter Antragsteller, die DDR per Ausreiseantrag zu verlassen. Dabei weist sie auf Probleme mit der Wohnung, der Familie oder dem Arbeitsplatz hin. Am 9. Oktober 1986 wird die Zusammenarbeit mit IM "Sonja" beendet.

Diese Akte, die Ina Leukefeld der ZEIT zur Verfügung stellte, ist beschämend. Sie ist das Dokument einer überzeugten Sozialistin, die ihre Augen vor der gesellschaftlichen Realität in der DDR fest verschloss. Die in allen ihr begegnenden Krisensymptomen – und von denen berichtet sie gewissenhaft – keinen Anlass sah, an der Idee des Sozialismus und seiner realen Verfasstheit zu zweifeln. Geschweige denn, das eigene Tun infrage zu stellen.

An dieser Akte ist nichts zu beschönigen. Aber man kann viel aus ihr lernen, unter anderem, warum die DDR so lange existieren konnte. In einer persönlichen Erklärung vor dem Thüringer Landtag sagte Leukefeld: "Ich bin mir darüber im Klaren, dass meine damalige Zusammenarbeit, gemessen an rechtsstaatlichen Maßstäben, wie ich sie heute kenne, schätze und verinnerlicht habe, eine völlig inakzeptable und nicht zu rechtfertigende Handlungsweise, einen Eingriff in die Bürger- und Freiheitsrechte der betroffenen Menschen darstellt. Ich habe mich öffentlich entschuldigt und mein Tun von damals uneingeschränkt als Fehler bezeichnet."

Darf man einen Menschen wegen seiner Biografie immerzu ausschließen?

Aber reicht das? Kann ein Mensch, von dem man nicht genau weiß, was er durch seine Aktivität anderen zugefügt, wem er geschadet hat, seine Bestimmung ausgerechnet in der Politik suchen? Oder führt ein Weg, bei dem eine gebrochene Biografie immer wieder zur Diskussion gestellt, immer wieder ausgeschlossen wird, nicht zu weiteren, tiefgreifenderen Verwerfungen in einer an Verwerfungen ohnehin nicht armen ostdeutschen Gesellschaft?

 

Den politischen Gegnern jedenfalls reicht jener Umgang, wie Ina Leukefeld ihn betreibt, nicht aus. Auf nähere Fragen jedoch schweigen sie. Weder die momentan schärfste Kritikerin von Ina Leukefeld, die Grünen-Landesvorsitzende Astrid Rothe-Beinlich, noch Christine Lieberknecht, die Nachfolgerin von Dieter Althaus und CDU-Kandidatin für das Amt der Thüringer Ministerpräsidentin, mochten sich äußern.

Für Ina Leukefeld sind solche Reaktionen nichts Neues. Dennoch muss sie schlucken. Sie kennt beide Frauen. Im Wahlkampf hat sie mit Astrid Rothe-Beinlich mehrfach auf Podien gesessen. Zwar sei man politisch nicht immer der gleichen Ansicht, darüber hinaus habe es jedoch keine Probleme gegeben. Im Gegenteil rechnet Ina Leukefeld der Grünen-Politikerin hoch an, dass sie regelmäßig am Runden Tisch der sozialen Verantwortung teilnahm, obwohl sie noch kein Mandat besaß.

Markus Ermert, stellvertretender Chefredakteur der Suhler Zeitung Freies Wort, wendet dagegen ein, dass Ina Leukefeld in ihrer Heimatstadt durchaus polarisiere. Dass Enthüllungen wie die über ihre IM-Vergangenheit ihre Anhängerschaft eher mobilisierten. In der ostdeutschen Provinz, zumal in Südthüringen, gebe es "keine Atmosphäre der Diskussion, kein großes Interesse an der Aufarbeitung der Vergangenheit", sagt Ermert.

Auch Ina Leukefeld selbst hat berichtet, dass, wenn sie in Gesprächen mit den Menschen in ihrem Wahlkreis ihre Rolle im SED-Staat angesprochen habe, sich kaum jemand dafür interessierte. Keiner fragte nach oder nahm, anders als an jenem Abend im Tivoli, Anstoß daran. Ins Tivoli waren in der Mehrzahl Opfer der SED-Diktatur gekommen, um in das Gesicht einer Schuldigen zu schauen. Nur so ist zu erklären, warum es viele Jahre dauerte, bis ihre Akte, nachdem Leukefeld das erste Mal öffentlich über ihre Zusammenarbeit mit der Kriminalpolizei berichtet hatte, überhaupt vorlag. Kein Lokalreporter hatte sich auf die Suche nach den Fakten begeben.

Die ostdeutsche Nachwendegesellschaft kümmert sich um so etwas einfach nicht. Auch aus diesem Grund gerät Ina Leukefeld immer wieder zwischen die Fronten. Sie hat das Gefühl, stets aufs Neue Anlass von Zerwürfnissen zu sein. Eine gewissenhafte und kontinuierliche Auseinandersetzung mit dem Erbe der Diktatur findet nicht statt. Eine Suche nach Lösungen schon gar nicht. Selbst wenn Ina Leukefeld dafür zur Verfügung stünde. Mit ihren Mitteln, mit ihrer Biografie.

Jana Hensel, geboren 1976 in Leipzig, ist Publizistin. In diesen Tagen erscheint ihr Buch "Achtung Zone. Warum wir Ostdeutschen anders bleiben sollten"