Ihr kleines Büro unter dem Dach des Fraktionsgebäudes ist aufgeräumt. Gimmicks der Linken liegen herum, Aufkleber, Sticker, rote Flaschenöffner. Eine kopierte Seite aus einer Tageszeitung hängt an der Wand. Die Einkommens- und Vermögensunterschiede zwischen Ost und West sind dort bis auf den Cent für jedes Bundesland aufgezeichnet. Sie sind gewaltig und lassen die ehemaligen Grenzen des vereinten Landes noch einmal in harter Währung lebendig werden. Sie sind das, was Ina Leukefeld in die Politik treibt.

Die politische Karriere von Ina Leukefeld beginnt bereits in der DDR, und sie verläuft steil nach oben. Mit 19 Jahren tritt sie nach ihrer Lehre als Finanzkauffrau eine Stelle im Stadtrat von Suhl an. Mit 25 wird sie Mitglied der SED, sechs Jahre später Stadträtin für Jugendfragen, Körperkultur und Sport. Zu ihrem Aufgabengebiet gehört es unter anderem, sich um die Wintersportstätten im Kreis Suhl zu kümmern. Sie leitet die örtliche Jugendpolitik und ist verantwortlich für den Ferienlager-Betrieb.

Dass bei dieser Arbeit stets ein Kollege der Polizei und einer von der Staatssicherheit dabei waren, beschreibt sie als Normalität. Von der Nähe beider Organe habe sie nichts gewusst. Als im Februar 1985 die ersten Anwerbegespräche stattfinden, haben diese Treffen zwar einen konspirativen Charakter, gleichzeitig jedoch konnten sie aufgrund der ohnehin bestehenden offiziellen Kontakte ohne besondere Vorkehrungen stattfinden. Als sie sich einen Decknamen geben soll, wundert sie sich und weist den Kollegen darauf hin, dass er "sämtliche Informationen auch über den offiziellen Dienstweg des Rathauses erhalten" könne. Schließlich aber stimmt sie zu. Sie nennt sich "Sonja".

In ihrer Verpflichtungserklärung vom 5. Juni 1985 schreibt sie: "Ich werde alle mir erteilten Aufträge diszipliniert, verantwortungsbewusst und unter Einhaltung der mir bekanntgegebenen Verhaltensregeln nach bestem Wissen und Können erfüllen." Von diesem Tag bis zum 30. Juni 1986 sind elf Treffen mit einem Führungsoffizier und sieben handschriftliche Berichte aus der Feder von Ina Leukefeld dokumentiert.

Darin berichtet sie über Maßnahmen zur Sicherung von sportlichen Wettkämpfen und öffentlichen politischen Großveranstaltungen wie dem Pfingsttreffen der FDJ. Sie erklärt sich bereit, deren reibungslosen Ablauf zu kontrollieren. "Ich habe nicht gespitzelt", sagt Leukefeld. "Ich wusste es aus meinen Arbeitszusammenhängen, und nur darüber habe ich berichtet." Aber ihre Berichte gehen weit. Sie schätzt die politische Einstellung von Jugendlichen des örtlichen Jugendclubs ein, sie berichtet, dass diese den Fragen des Sozialismus gleichgültig gegenüberstünden. Sie informiert über die möglichen persönlichen und politischen Beweggründe sogenannter Antragsteller, die DDR per Ausreiseantrag zu verlassen. Dabei weist sie auf Probleme mit der Wohnung, der Familie oder dem Arbeitsplatz hin. Am 9. Oktober 1986 wird die Zusammenarbeit mit IM "Sonja" beendet.

Diese Akte, die Ina Leukefeld der ZEIT zur Verfügung stellte, ist beschämend. Sie ist das Dokument einer überzeugten Sozialistin, die ihre Augen vor der gesellschaftlichen Realität in der DDR fest verschloss. Die in allen ihr begegnenden Krisensymptomen – und von denen berichtet sie gewissenhaft – keinen Anlass sah, an der Idee des Sozialismus und seiner realen Verfasstheit zu zweifeln. Geschweige denn, das eigene Tun infrage zu stellen.

An dieser Akte ist nichts zu beschönigen. Aber man kann viel aus ihr lernen, unter anderem, warum die DDR so lange existieren konnte. In einer persönlichen Erklärung vor dem Thüringer Landtag sagte Leukefeld: "Ich bin mir darüber im Klaren, dass meine damalige Zusammenarbeit, gemessen an rechtsstaatlichen Maßstäben, wie ich sie heute kenne, schätze und verinnerlicht habe, eine völlig inakzeptable und nicht zu rechtfertigende Handlungsweise, einen Eingriff in die Bürger- und Freiheitsrechte der betroffenen Menschen darstellt. Ich habe mich öffentlich entschuldigt und mein Tun von damals uneingeschränkt als Fehler bezeichnet."

Darf man einen Menschen wegen seiner Biografie immerzu ausschließen?

Aber reicht das? Kann ein Mensch, von dem man nicht genau weiß, was er durch seine Aktivität anderen zugefügt, wem er geschadet hat, seine Bestimmung ausgerechnet in der Politik suchen? Oder führt ein Weg, bei dem eine gebrochene Biografie immer wieder zur Diskussion gestellt, immer wieder ausgeschlossen wird, nicht zu weiteren, tiefgreifenderen Verwerfungen in einer an Verwerfungen ohnehin nicht armen ostdeutschen Gesellschaft?