Angela Merkel weiß es, Guido Westerwelle ist es klar, und die gesamte Opposition unterschreibt es auch: Deutschland kommt nur mit geballter Innovationskraft schnell aus der Krise. "Forschung und Innovation sind Schlüssel zur Erhaltung und Mehrung unseres Wohlstands", sagt die Kanzlerin im ihr eigenen Duktus, Innovationsförderung sei die "nachhaltigste Form für ein Konjunkturprogramm", lässt ihr künftiger Vize in liberaler Bestimmtheit erklären.

Der Gedanke verlockt jeden Politiker: Wir fördern die Forschung, sorgen für Technik, Geschäftsideen und neue Produkte – und schon wächst die Wirtschaft deutlich schneller, schon können wir die riesigen Staatsschulden kontrollieren und den Einbruch am Arbeitsmarkt beherrschen.

Bloß, wie fördert man Innovation am besten? Das ist von jeher ein wirtschaftspolitisches Rätsel, und gerade für Deutschland ist die Antwort umstrittener denn je.

Bis zur großen Krise hatte Deutschland ein einfaches Erfolgsmodell. Ein wesentlicher Teil der Wirtschaft entwarf hochwertige Industriegüter, baute und exportierte sie. Weltführend war Deutschland bei Spezialmaschinen und im Anlagenbau, bei der Präzisionsverarbeitung und im Umgang mit neuartigen Werkstoffen. Dazu kommt der ehemals größte Stolz des Standorts, die Autoindustrie. Hinterher lief Deutschland dagegen bei Dienstleistungen und Konsumgütern.

Jetzt geht die weltweite Nachfrage nach den deutschen Kassenschlagern zurück. Das vertraute "größer, stärker, schneller" funktioniert nicht mehr wie gewohnt, und die Verengung der Wertschöpfung auf wenige Branchen wird gefährlich. Ökonomen reden davon, und der britische Economist titelte es sogar: Die Volkswirtschaft soll ihr Geschäftsmodell ändern.

Spätestens da kommen Angela Merkel und Guido Westerwelle ins Spiel, und die Frage ist nur, wie das gehen soll. Traditionell lautete die Antwort: Technik! Also hat der deutsche Staat die Grundlagenforschung unterstützt und Industriefirmen bei der Entwicklung mit Geld geholfen. Innovation war etwas, das Ingenieure und Forscher in ihren Labors betrieben. Heute aber entstünden technische Erfindungen auf der ganzen Welt mit atemberaubender Geschwindigkeit, mahnt die Berliner Expertenkommission Forschung und Innovation. Die Kollegen aus Frankreich und Amerika, aus China und Indien sind den deutschen Entwicklern auf den Fersen.

Als der entscheidende Teil der Innovation erweist es sich da, aus den vielen neuen Techniken und Erfindungen die richtigen auszuwählen und sie in Verkaufsschlager zu verwandeln. "Angesichts der wirtschaftlichen Lage wird es in den kommenden Jahren wichtig sein, Forschung schneller in neue Produkte umzusetzen", sagt Hans-Jörg Bullinger. Der langjährige Chef der Fraunhofer-Gesellschaft weiß, wovon er redet: Es gilt immer noch als Schande, wie ein Fraunhofer-Institut einst das MP3-Format für das effiziente Speichern von Musik erfunden hatte – aber Deutschland kaum mitverdiente, als in den neunziger Jahren der Verkauf von MP3-Abspielgeräten und Musikdateien im Internet zum Riesengeschäft wurden. Hierzulande entstand die Technik, aber kein maßgebliches Produkt.

Innovation ändert ihr Gesicht auch, weil die Dienstleistungen an Bedeutung gewinnen. Die große Neuerung von McDonald’s bestand in einer technisch anspruchslosen Kombination von Fertigessen, Selbstbedienung und Vermarktung – und doch hat dieses Fast-Food-Unternehmen die Welt verändert. Die Supermarktkette Aldi, der Computerversender Dell und die Versandinnovatoren Otto und Amazon haben allesamt keine neuartigen Produkte erfunden – aber sie haben ihre Lieferketten, ihre Werbung und das Wissen über ihre Kunden so perfektioniert, dass sie Wettbewerber vom Markt fegten. Innovationstugenden sind es dort, mit anderen Unternehmen zusammenzuarbeiten, das eigene Geschäftsmodell ständig zu überdenken und von den Kunden zu lernen – all das ist wichtiger als klassische Forschung.