Einmal ist sie umgefallen, ein einziges Mal. In Nairobi war das: draußen drückende Hitze, drinnen kalte Klimaanlagenluft, Verhandlungen bis tief in die Nacht und dann noch was Schlechtes gegessen. Da wurden Nicole Wilke die Knie weich, drei Jahre liegt das zurück. Die Sache ist ihr immer noch unangenehm. Zwar ging es damals beim Gipfel in der kenianischen Hauptstadt um den Kampf gegen die drohende Erderwärmung durch Treibhausgase, aber auf den Magen schlagen darf das Klima den Verhandlern nicht. Sie sollen funktionieren, nichts anderes.

Es sind aber die Menschen, auf die es bei den Klimagipfeln ankommt. Nairobi, Bali, Ende September Bangkok und dann Kopenhagen – es treffen sich fast immer dieselben. Fachleute aus 192 Nationen, die den Großteil der Arbeit machen, bevor für den Abschluss die Minister anrauschen und auf den Tisch hauen. Nicole Wilke, 46, ist Deutschlands Klimadiplomatin in diesem Reisezirkus mit dem Projekt Weltrettung. Sie managt seit fünf Jahren die deutsche Verhandlungsdelegation in einem der wichtigsten Politikfelder überhaupt. Und das mit Erfolg.

Dabei ist Wilke nur Beamtin, Leiterin des Referats Kl II 6 in der Unterabteilung für internationale Zusammenarbeit des Bundesumweltministeriums. Aber sie hat Stehvermögen. In Nairobi damals war sie sehr schnell wieder auf den Beinen; aber vor allem tritt sie mit großer Bestimmtheit auf. Zugleich hat sie Feingefühl. Beides zusammen verschaffe ihr Respekt, heißt es in verblüffendem Einklang bei Umweltschützern und Wirtschaftslobbyisten, die bei den Verhandlungen jeweils mit am Ort sind. "Sehr kompetent" sei Wilke, sagt Joachim Hein vom Bundesverband der deutschen Industrie. "Exzellente Arbeit", so lobt Kathrin Gutmann vom WWF.

"Sie kennt sich auch im Kleingedruckten gut aus"

"Verhandeln", sagt Wilke selbst, "hat viel mit Vertrauen in die handelnden Personen zu tun." Sie sitzt im zweiten Stock eines Hochhausriegels am Berliner Alexanderplatz. Aus dem Fenster geht der Blick auf die Rückseite eines Küchengerätediscounters, an der Wand hängt der billige Werbekalender des Ministeriums, auf dem großen Besprechungstisch steht eine Schüssel mit Smarties für ihre Mitarbeiter. Ohne ihr neunköpfiges Team sei sie nichts, erklärt Wilke. Tatsächlich sei sie eine Mannschaftsspielerin, so hört man im Haus. Immerhin ist die gesamte Verhandlungsdelegation mit Vertretern anderer Ministerien und Wissenschaftlern 25 Köpfe stark. Die Leiterin Wilke ist unprätentiös – und doch selbstbewusst. "Ich kann, glaube ich, ganz gut heraushören, was für mein Gegenüber wichtig ist", sagt sie. Starke Worte meidet sie. Das hilft beim Gefeilsche um Kompromisse.

Lange waren es nur Verhandlungen darüber, ob überhaupt verhandelt wird. In diesen letzten Wochen vor Kopenhagen geht es nun immerhin um Prozente bei der CO₂-Reduzierung. Aber auch um die wichtige Auswahl des Jahres, das als Basiszeitraum für die Berechnungen von Minderungspflichten dienen soll. Um etwaige Ausgleichszahlungen der Industrieländer an die Schwellenländer. Um komplizierte Fristen bis zur Erreichung von Emissionszielen. Kein Staat will zu früh zu viel zugestehen. Ist das alles bloß eine globale Klimabürokratie? Und Wilke doch nur die Frau fürs Kleingedruckte? "Es geht um die Substanz", sagt sie. Was vielleicht so zu verstehen ist: Die großen Linien bestehen aus lauter winzigen Einzelpunkten. Der Industriemann Hein sieht eine Stärke Wilkes gerade darin, dass sie sich "auch im Kleingedruckten gut auskennt".

Selbstverständlich ist Wilke Teil eines Apparats. Dass sie tun kann, was sie tut, verdankt sie ihren Vorgesetzten. Doch "den Freiraum, den sie hat, nutzt sie", sagt Gutmann vom WWF. Bei der Abstimmung der deutschen Verhandlungsposition im eigenen Haus, danach mit Wirtschaftsministerium und Kanzleramt, sind immer erst Fachleute wie Wilke und ihre Leute dran. Sie lösen einen großen Teil der internen Probleme – "natürlich gibt es im Einzelfall Meinungsunterschiede, dann wird diskutiert", sagt die Umweltfrau sehr ruhig.

"Wenn es um die politischen Fragen geht, kommen die Hierarchieebenen ins Spiel." Bei den Verhandlungen selbst geht Wilke telefonieren, sobald sie sich außerhalb ihres Mandats bewegt. Nicht einengend findet sie das, sondern notwendig. Schließlich geht es nicht um ihre persönliche Haltung, sondern um die der Bundesrepublik. "Dann erwartet man in Berlin von mir eine Einschätzung, weil nur ich am Ort des Geschehens bin", sagt Wilke. "Und dann bekomme ich eine Ansage." Am Ende, klar, entscheiden die Chefs. Aber eben erst am Ende.