Eine Spritze gegen Aids! So wurde in der vergangenen Woche mit vielen Worten – und wenigen Einschränkungen – eine Meldung bejubelt. Die U.S. Army hatte in Thailand zusammen mit örtlichen Behörden den weltweit größten derartigen Versuch durchgeführt.

16.402 gesunde Freiwillige ließen sich eine Kombination aus zwei (altbekannten!) HIV-Impfstoffen spritzen oder bekamen ein Placebo. Drei Jahre später waren in der Placebogruppe 74 Probanden HIV-positiv, in der Impfstoffgruppe waren es nur 51.

In den Schlagzeilen wurde daraus eine Senkung des Ansteckungsrisikos um beeindruckende 30 Prozent, gar ein "Durchbruch". Aber leider hält die frohe Botschaft einer genaueren Betrachtung nicht stand. Bei derart geringen Fallzahlen sind die Werte zwar gerade eben statistisch signifikant, aber schon wenn zwei geimpfte Probanden infiziert, aber nicht erfasst worden wären, wäre diese Signifikanz dahin.

Ferner ist nicht bekannt, ob beide Gruppen wirklich dem gleichen Infektionsrisiko ausgesetzt waren. So lässt sich ein zwingender Kausalzusammenhang zwischen den Impfungen und einer verminderten Infektionsrate zurzeit schlicht nicht feststellen, zumal die kompletten Zahlen erst im Oktober veröffentlicht werden.

Trotzdem feierten die U.S. Army, das thailändische Gesundheitsministerium und die UN-Unterorganisation UNAids die Sensation vorab. Wer 105 Millionen Dollar investiert, will sich eben auch mit einem schönen Erfolg schmücken. Das lenkt von den ganz banalen aktuellen Problemen ab.

Die Situation für Aids-Kranke besonders südlich der Sahara verschlechtert sich. Resistenzen gegen die dort verteilten günstigen Medikamente nehmen zu, Nachfolgepräparate sind in dieser Region praktisch unerschwinglich. Es ist unklar, wie das Problem in Zukunft gelöst werden kann und ob die Hersteller zu großzügigen Nachlässen bereit sind.

Geldsuche wie auch die mühsame Aufklärung über den Gebrauch von Kondomen oder der Kampf für Frauenrechte sind freilich weniger aufregend als die Erfüllung eines medizinischen Wunschtraums, als die Verheißung einer Welt ohne Aids. Aber sie sind wichtig, weil der Traum noch in weiter Ferne liegt. Die aktuell gefeierte Kombinationsimpfung jedenfalls wird ihn nicht erfüllen. Harro Albrecht