Mein Onkel hat die DDR in bester Erinnerung. Er erinnert sich an lampionerleuchtete Schrebergartenfeste, er schwärmt vom Geschmack der roten Brause und vom Biergeruch der Kneipen, er rühmt den Mangel an Konkurrenzdenken und das Gemeinschaftsgefühl. Aus dem Onkel spricht der Ostalgiker, und wer seine Lobreden hört, könnte ihn für einen alten Apparatschik halten. Er ist aber Unternehmer aus Osnabrück und war zu Ostzeiten unser Westbesuch. Von 1958 bis 1964 kam er jeden Sommer in das kleine schäbige Dorf im Chemiedreieck Halle-Leipzig-Bitterfeld, wo meine Großeltern lebten. Die hatten noch Zeit für Kinder, sagt der Onkel, der damals selber Kind war. Die saßen abends vorm Haus, während er mit den Cousins auf dem Dorfplatz tobte. Die Osnabrücker saßen nicht vor, sondern hinterm Haus. Es war die Zeit des Wirtschaftswunders. Es war die Zeit des Mauerbaus. Dass einer der Ostcousins im August 1961 wegen angeblicher Staatsverleumdung zu einem Jahr Haft verurteilt wurde, erfuhr mein Onkel jedoch nicht.

Mancher Westbesuch würde heute noch an die heile Welt der Diktatur glauben, wenn nicht irgendwann die Mauer gefallen wäre. Denn die Besuchten gaben sich größte Mühe, alles Besorgniserregende zu verschweigen. Der Gast sollte sich wohlfühlen, deshalb warf der Gastgeber sich in Sonntagsstaat und verkniff sich das Jammern, servierte Torte und scherzte über die Planwirtschaft. Die berühmte Offenheit der Zonenbewohner hatte Grenzen: So wie man nicht nach den Tücken des Kapitalismus fragte, so verheimlichte man auch die Dreckecken des Sozialismus. Erst mit der Wende wurde der Dreck aufgewirbelt, als Ossis und Wessis einander im Alltag kennenlernten. Jetzt erlaubten sie sich die Meinungsverschiedenheiten, die sie zuvor lächelnd überspielt hatten. Jetzt fielen die Deutschen aus der Rolle, warum das aber unvermeidlich war, hat noch keiner so geistreich, so amüsant erläutert wie Jutta Voigt in ihrem neuen Buch. Unter dem melancholischen Titel Westbesuch. Vom Leben in den Zeiten der Sehnsucht hat sie eine bissige deutsch-deutsche Mentalitätsgeschichte verfasst, die die Familiengeheimnisse aufdeckt und die Lebenslügen der Nation entlarvt.

Kühne Zwecke fordern kühne Mittel. Deshalb hat die Berliner Reporterin, berühmt für ihren treffsicheren Großstadtrealismus, sich ein eigenes Genre erfunden. Es ist die grenzüberschreitende, wendeüberspringende Selbstverständigungsprosa, die aus dem Dokumentarischen ins Fiktionale abhebt. Das Buch besteht aus einer Folge von wahren Reisesehnsuchtsgeschichten, die wir selbst erlebt haben könnten, aber die hier erhöht und eingerahmt werden durch geschichtsphilosophische Betrachtungen. Der Westdiplomat, der eine Ostkünstlerin heiratete. Das Reisekaderkind, das einen Glitzerpullover aus London bekam. Die fernwehgeplagte Akademikerin, die Liebhaber aus Afrika sammelte. Bei Jutta Voigt werden die Erzählungen der anderen durch eigenes Erleben kontrastiert und durch Archivrecherche beglaubigt. Sie ist hinabgestiegen ins Bergwerk der Zahlen und Fakten, sie hat die vergilbten Transitabkommen studiert und die Mauergedenkstätten besucht, aber dann hat sie sich freigeschrieben. Herausgekommen ist die Wirklichkeit, historisch getreu poetisiert. Zutage gefördert wurde ein politisches Phänomen, allgemein verständlich. Entstanden ist eine Gesellschaftschronik, gespickt mit sarkastischen Merksätzen.

"Der Westen als Traumziel – mit seiner Unerreichbarkeit hatte seine Heiligsprechung begonnen. Dieser Westen war die Erfindung des Ostens, ihm gehörte der Himmel gleich nebenan. Ein historisch einmaliger Überfluss an Hoffnung." Westbesuch handelt von den Hoffnungsvollen, die an den Himmel nebenan glaubten, und von den Himmelsboten, die mit tollen Autos voller Geschenke vorfuhren und den Glauben an das Glitzerreich der Freiheit wachhielten. Es ist eine göttliche Tragikomödie auf Erden. Als Hauptfiguren treten auf: "der dicke Max und der arme August in den Rollen ihres Lebens". Als Requisiten dienen: Mon Chéri, Lux-Seife, Jacobs-Kaffee. Gespielt wird: das innerdeutsche Willkommen und Abschied, das Theater der gegenseitigen Romantisierung, das 1989 in sein Gegenteil umschlug, die Realität.

Es gab viele Arten Westbesuch, die hier in einer kurzweiligen Typenparade aufmarschieren. Besuch aus dem Westen sind reiche Tanten, lüsterne Geschäftsmänner, spießige Diplomaten, Udo Lindenberg und Willy Brandt… Besuch im Westen sind Rentner, Trauerfallprofiteure, Spitzensportler, Wolf Biermann und Erich Honecker… Dass hier auch Nebenfiguren gewürdigt werden, etwa jene Zollkontrolleure der DDR, die sich an konfiszierten Pornoheften erfreuten, ist typisch für Jutta Voigt. Ihre Kleineleuteporträts erlauben dem Leser, sich mit den Schwachen und Lächerlichen zu identifizieren. Die poetische Stärke dieser Autorin ist eine moralische: Nachsicht mit anderen, Unerbittlichkeit gegenüber sich selbst.

Sie ist ja in Westbesuch nicht nur Erzählstimme, sondern auch Heldin. Wir erleben sie als junge, sehnsuchtsvolle, angepasst aufmüpfige, durchaus amüsiersüchtige, durchaus nicht uneitle Ostberlinerin. Die an den Sozialismus glaubte und Rudi Dutschke bewunderte, weil er so temperamentvoll links war. Die ein Einsegnungskleid aus Westseide trug und ein neuer Mensch werden wollte. Später, schon als Reporterin, würde sie das avantgardistisch versnobte Polen als Ersatzwesten entdecken. Würde dort französisch parlieren und mit der Boheme flirten. Ein Selbstporträt aus historischer Distanz: das Mädchen, das aus der DDR nicht abhauen, aber mal rauskommen wollte. Wie sie es schaffte, mit einem erschlichenen Pass nach Paris zu gelangen, in die Stadt ihrer Träume, wo sie anderthalb glückstrunkene Tage lang von einem Entzücken zum nächsten flog, das gehört zu den schönsten Geschichten des Bandes.