Brennende Kerzen und Freudentränen, Sprechchöre und jubelnde Menschenmassen: Längst haben sich die Bilder und Klänge vom Herbst 1989 in das kollektive Gedächtnis der Deutschen eingebrannt. Die meisten wissen, ob, wo und wie sie den Mauerfall an jenem mirakulösen 9. November 1989 erlebt haben; Romane, Spielfilme und Fernsehdokumentationen haben erzählt, was in den Wochen und Monaten passierte, als das Volk in der DDR die SED niederrang und sich dann alsbald auf den Weg zur Einheit machte. Umso verwunderlicher ist es also, dass hierzulande die professionell Zuständigen für die Vergangenheit, die Historiker, lange Zeit einen Bogen um dieses wichtigste Ereignis der jüngeren deutschen Geschichte gemacht haben. Hier und da konnten sich die Leser in wenigen Überblicksdarstellungen informieren und in Spezialstudien etwas über Details dieses deutschen Herbstes lernen. Doch das große Panorama suchte man vergebens. Dabei ist Revolutionsgeschichtsschreibung die Königsdisziplin der Historiografie; eine neue Gesamtdarstellung der britischen Revolution des 17. Jahrhunderts, von 1789 oder 1917 vorzulegen bedeutet in anderen Ländern traditionell die Krönung eines Forscherlebens.

Vielleicht ist es in Deutschland ja wirklich noch zu früh für große Würfe über das Jahr 1989. Aber die Scheu der Vergangenheitsexperten gegenüber diesem packenden Stoff springt ins Auge. Bevor die Historiker zur Sache kamen, diskutierten sie erst einmal in falscher Frontstellung, ob es sich bei den Ereignissen von 1989/90 überhaupt um eine Revolution gehandelt habe oder nicht doch eher um eine Implosion, einen Zusammenbruch. Das vor Jahren formulierte Gefühl des Schriftstellers Ingo Schulze, ihm komme es vor, als wachse die Bedeutung des Umbruchs von 1989/90 mit jedem Jahr: Dieses Gefühl suchte man bei deutschen Historikern vergebens. Unfreiwillig kurios mutet es daher an, wenn Hans-Ulrich Wehler im 2008 erschienenen fünften Band seiner Deutschen Gesellschaftsgeschichte über die Zeit von 1949 bis 1990 die Revolution von 1989 in der DDR in einem Abschnitt zur Geschichte der Bundesrepublik beschreibt.

Über die Gründe solcher Ignoranz kann man lange spekulieren. Ein antipathetischer Reflex dürfte dazugehören, ebenso das fortwirkende postnationale Gefühl der alten Bundesrepublik: Nur wenige unter heutigen Historikern dürften verständlicherweise Lust verspüren, zwischen zwei Buchdeckeln allzu heftig schwarz-rot-goldene Fahnen zu schwenken.

Immerhin scheinen momentan die Historiker allmählich in Bewegung zu kommen, wozu es offenbar erst der Anforderungen bedurfte, die im Jubiläumsjahr 2009 die Öffentlichkeit stellt. Andreas Rödder (West) und Ilko-Sascha Kowalczuk (Ost) haben im Frühjahr ihre Revolutionsgeschichten vorgelegt: Rödder (Deutschland einig Vaterland) in abgeklärter Draufsicht auf die Ereignisse, gleichsam mit der Fernbedienung zwischen den verschiedenen Schauplätzen von Moskau bis Washington hin und her schaltend; Kowalczuk (Endspiel) als kundiger Fremdenführer in die gesellschaftlichen Tiefenschichten der späten DDR, wobei ihm die eigentliche Revolution am Ende zu knapp gerät. So gelungen beide Bücher im Einzelnen auch sind: Um große Revolutionsgeschichtsschreibung handelt es sich nicht.

Das gilt auch für das Buch des emeritierten Konstanzer Althistorikers Wolfgang Schuller, der während der Teilung viele Jahre lang die DDR kritisch und kenntnisreich beobachtet hat. Verdienstvoll ist sein Anliegen allemal: Er will die ganze Breite der revolutionären Bewegung in Erinnerung rufen, weshalb er höchst anschaulich zahllose Quellen aus der Provinz zitiert. Seine Heldenstädte sind das mecklenburgische Crivitz, Magdeburg sowie Rudolstadt in Thüringen. Schuller führt vor, wie die Menschen auf Demonstrationen, in Versammlungen und an Runden Tischen vor Ort ihr Schicksal in die Hand nahmen. Großartige Momente vermag Schuller aufzuspüren: So antwortet der Rostocker SED-Bezirkschef Ernst Timm bei einer Versammlung auf die Frage, was eigentlich die Diktatur des Proletariats sei, er müsse da erst mal bei Lenin nachschlagen – woraufhin das Volk den einst allmächtigen Genossen auslacht.

In die Quere kommt Schuller sein leicht onkelhafter Erklärton, der sichtlich von der pädagogischen Begeisterung getragen ist, Zuschauern und Nachgeborenen historische Zusammenhänge und den Mut der Akteure vor Augen zu führen. Die Bedeutung von 1989 für die deutsche Demokratiegeschichte betont der studierte Jurist und Carl-Schmitt-Kenner – das Ungestüm-Chaotische an dieser Freiheitsbewegung tritt dagegen in den Hintergrund.