Es ist nicht gerade eine mitreißende Rede, in der am 1. Oktober 1949 der Vorsitzende der Kommunistischen Partei die Gründung der Volksrepublik China verkündet. Mao Tse-tung , wie er da in Peking auf dem Söller am Tor des Himmlischen Friedens steht, wirkt nervös.

Er räuspert sich nach jedem Satz, zählt langweilig eine Reihe von Ernennungen auf, gibt nichts Programmatisches von sich. Aber seine Kernbotschaft, vorgetragen zehn Tage zuvor beim Zusammentritt des Volksrates, klingt mit Macht noch immer nach. Sie hat weltgeschichtliches Gewicht: "Unsere Nation wird nie wieder eine gedemütigte Nation sein. China hat sich erhoben!"

Die hunderttausend Menschen, die sich auf dem Tiananmen-Platz versammelt haben, jubeln dem Sieger des chinesischen Bürgerkriegs zu. "Lang lebe der Vorsitzende Mao!", skandieren sie. Er aber geht, aufgeregt winkend, auf der Balustrade des Tores hin und her und ruft Mal um Mal: "Lang lebe das Volk!"

Mao war erfüllt von seinem Triumph. Landstrich um Landstrich hatten die kommunistischen Truppen seinem Gegenspieler entrissen, dem Nationalisten-Chef Chiang-Kai-shek , geschlagen zog sich der Generalissimus mit Chinas Goldreserven und den Schätzen des Nationalmuseums auf die Insel Taiwan zurück.

 Zwei Millionen Kuomintang-Anhänger folgten ihm dorthin; die Zahl der Inselbewohner stieg damit auf acht Millionen. Mao Tse-tung jedoch herrschte jetzt auf dem Festland über 550 Millionen Chinesen.

"China hat sich erhoben!" Im Jahre 1817 hatte der nach St. Helena verbannte Napoleon geweissagt: "Wenn China erwacht, wird die Welt erzittern." Nun war der napoleonische Moment gekommen.

Maos Ausrufung der Volksrepublik setzte einem Jahrhundert der nationalen Schmach, der Erniedrigung, Unterjochung und Zerstückelung durch fremde Mächte ein Ende. Der blutige Bruderkrieg der vorausgegangenen 25 Jahre verebbte zu einer noch lange anhaltenden Propagandaschlacht. Bald schon war nicht mehr der geringste Zweifel daran erlaubt, wer das wiederauferstehende Reich der Mitte in die Zukunft führen werde: Mao Tse-tung.