Grundsätzliches vorneweg: Es heißt nicht Liebighaus, sondern Liebieghaus, auch wenn das schwer einzusehen ist, weil man zuerst an den deutschen Chemiker Justus von Liebig denkt und nicht an den böhmischen Textilfabrikanten Heinrich Baron von Liebieg. Er aber war es, der seine Villa am Schaumainkai 71 der Stadt Frankfurt unter der Bedingung vermachte, dort "auf ewige Zeiten ein öffentliches Kunstmuseum" einzurichten. 1909 öffnete das Liebieghaus dann als "Museum alter Plastik". Damals besaß es etwa 350 Exponate. Heute, hundert Jahre später, umspannt die Frankfurter Skulpturensammlung mehr als 3000 Werke aus fünf Jahrtausenden, vom alten Ägypten bis zum Klassizismus. Zwischen dem Städel und dem Museum Giersch thront das Liebieghaus am Museumsufer inmitten einer Parkanlage. Wer unter der Woche kommt, vorausgesetzt, es lockt gerade keine Sonderausstellung, hat das Haus nicht selten für sich allein. Eine geradezu heilige Ruhe wacht dann in den Räumen.

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild © Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Gleich hinter der Kasse beginnt das Reich der Antike, das sich seit April dieses Jahres aufregend neu präsentiert. "Mut zur Farbe", haben sich die Verantwortlichen gesagt, und so umwogt die Wände mit den Werken Griechenlands ein sirrend schönes Himmelshellblau. Vor diesem Hintergrund heben sich die marmornen und alabasternen Skulpturen umso strahlender ab. Etwa die wohl schon in der Antike verschleppten fünf Musen aus der Gruppe von Agnano (um 120 bis 100 vor Christus), die kopflos, still und edel nebeneinander weilen. Eindrücklicher noch ist die Farbwahl in den Rom und dem Klassizismus gewidmeten kleineren Räumen. Ein betörendes Rot knallt dort von den Wänden und setzt die idealen Körper und Köpfe imposant in Szene. Die Werke des Klassizismus wurden der Antike zugeschlagen, auch um zu demonstrieren, wie sehr sie unsere Wahrnehmung dieser Zeit prägen. In einer Nische posiert jetzt Johann Heinrich von Danneckers Ariadne auf dem Panther, und in der Rotunde neben der Schönen und dem Biest hat Naukydes’ unverschämt durchtrainierter Diskuswerfer aus dem 5. Jahrhundert vor Christus seinen großen Auftritt. Nach dem Rundgang vom Mittelalter über die Renaissance, den Manierismus und das Barock bis hin zum Rokoko wissen wir gar nicht, wo uns der Kopf steht. Und nun? Zurück zur Athena des Myron vor dem jüngst neu erworbenen Marsyas-Sarkophag? Ostasiensammlung? Bozzetti? Porträts?

An den Wochenenden kann man zudem noch in die oberen Etagen der Villa steigen. In den sogenannten Studioli herrscht die alte Gründerzeit. Die holzvertäfelten und mit damaligem Mobiliar bestückten Räume dienen dem Studium wie der Kontemplation. Zahllose kleinere Ausstellungsstücke, aber auch Zeichnungen und Gemälde ringen dort um unsere Aufmerksamkeit. Auf den Tischen warten unscheinbare Karteikästen, in denen sich nachlesen lässt, was sich in den Vitrinen tummelt. Und die Dachstubenfenster gewähren überragende Blicke auf Mainufer und Wolkenkratzer. Doch nicht nur unterm Dach wartet das Haus mit einer Überraschung auf: Im Untergeschoss drängeln sich in einem Schaudepot zahllose Werke, für die sich anderswo kein Platz mehr fand. Nach Materialien, Größe und konservatorischen Gesichtspunkten lässig geordnet, ergibt sich dort manch verwegene Nachbarschaft, etwa wenn der Kopfteil vom Sargdeckel des ägyptischen Wesirs Nesmin neben dem aus Lindenholz geschnitzten Apostel Paulus glänzt. Durch eine Glastür hindurch werfen wir einen schnellen Blick in das Magazin, wo noch unzählige Exponate mehr ihrer Ausstellung harren. Dann müssen das Gesehene und wir uns erst einmal setzen. Unterm Blauglockenbaum im lauschigen Hof des Cafés im Liebieghaus denken wir noch mal an die herrlich fratzenhaft geschnitzten Kirchenväter aus dem Mittelalter, das bildschönste Mumienbildnis des Mädchens aus dem römischen Ägypten und die umwerfend schwungvoll in ihren Handspiegel staunende Schwarze Venus, die nicht nur dem manieristischen Ideal der französischen Bildhauer um 1600 entsprechen dürfte. Selbst schuld, wer sie keines Blickes würdigt.