Einmal noch wird es so sein wie in den vergangenen vier Jahren. Am kommenden Montag werden Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier gemeinsam auftreten, die Kanzlerin und ihr Noch-Vize, zu Gast beim DGB. Der Gewerkschaftsbund wird 60, und auf der Geburtstagsfeier in Berlin werden Merkel und Steinmeier über soziale Gerechtigkeit und Solidarität sprechen, über Mitbestimmung und den Sozialstaat. Sie werden davon reden, wie wichtig die Gewerkschaften auch in Zukunft seien. Und das ist insofern drollig, weil einer von beiden – Steinmeier – gerade selbst um seine Zukunft ringt. Und weil die Gewerkschaften auf absehbare Zeit ziemlich wenig Gehör finden könnten.

Es sind jetzt andere Zeiten. Es gibt eine neue Regierung. Und damit andere Interessengruppen, die das Ohr der Regierung haben.

Man spürt das bereits am Tag nach der Wahl, keine 17 Stunden nach Schließung der Wahllokale. Im Saal der Bundespressekonferenz in Berlin, dort, wo sonst die Kanzlerin und ihre Minister Rede und Antwort stehen, stellen zwei Wirtschaftslobbyisten ihr Regierungsprogramm vor. Koalitionsvertrag für den Aufschwung haben sie den Forderungskatalog überschrieben. Darunter machen sie es jetzt nicht mehr. Hans Heinrich Driftmann, der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags, liest laut vor. Sein Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben ergänzt. Die zwei bieten alles auf, was Wirtschaftsverbände sich so wünschen: Steuern runter. Bürokratie abbauen. Kündigungsschutz kippen.

Auf die zaghafte Journalistenfrage, warum die Kanzlerin ausgerechnet den Kündigungsschutz abschaffen sollte, obwohl sie den Gewerkschaften vor der Wahl doch das Gegenteil versprochen habe, bekommen sich Driftmann und Wansleben fast nicht mehr ein. Wansleben schiebt Driftmann das FDP-Wahlprogramm zu, aber der hat schon die Brille weggelegt. Also zitiert Wansleben selbst: "Hier steht: Der Kündigungsschutz sollte erst für Betriebe mit mehr als 20 Beschäftigten und nach einer Beschäftigungsdauer von zwei Jahren gelten." Noch Fragen?

Alle Wirtschaftsverbände haben sich vor der Wahl zurückgehalten. Kaum ein Funktionär ließ sich mit einer konkreten Reformforderung zitieren. Niemand wollte den Wahlerfolg von Union und FDP gefährden. Nun aber ist die schwarz-gelbe Mehrheit so überraschend deutlich, dass viele Lobbyisten vor Selbstbewusstsein strotzen. Man kann das starke Ergebnis der FDP schließlich dergestalt interpretieren, dass die Mehrheit der Deutschen eine Regierung will, die die Steuern senkt, die Mittelschicht entlastet und Arbeitsrechte kappt. So sieht das die FDP selbst. Und so sehen es auch die meisten Wirtschaftsvertreter.

Natürlich gibt es noch eine zweite, eine andere Interpretation des Wahlausgangs. Sie besagt, dass die Deutschen ihre Kanzlerin behalten wollten und die Mehrheit der Wähler nicht den Wechsel wollte, sondern die Konstante. Dass Angela Merkel sich längst sozialdemokratisiert hat. Dass sie an die Wahl in Nordrhein-Westfalen im Mai 2010 denkt, vor der die Union nicht allzu viele Wähler verschrecken darf. Dass sie weiterhin die politische Mitte besetzen will. Dazu passt, dass Merkel sich gleich am Wahlabend als "Kanzlerin aller Deutschen" präsentierte.

Beide Sichtweisen aber zeigen eines: Die neue Regierung könnte sich beim Schreiben ihres Koalitionsvertrags ziemlich schwertun. "Im Moment ist Frau Merkel nicht Bundeskanzlerin, sondern Parteivorsitzende der CDU", sagt der FDP-Finanzexperte Hermann Otto Solms. "Um zur Kanzlerin gewählt zu werden, braucht sie die Stimmen der FDP. Vorher werden Koalitionsverhandlungen geführt. Und dabei begegnen wir uns auf Augenhöhe." So werde die FDP auch nicht von ihrer Forderung absehen, die Bundesagentur für Arbeit deutlich zu verkleinern – was die Wirtschaft freut, die Union bislang aber vehement ablehnt.