Einen Tag nach den Wahlen adelte die Bundeskanzlerin die Piraten durch Aufmerksamkeit. Während ihrer ersten Pressekonferenzen sagte Angela Merkel: "Wir müssen den Dialog mit den Wählern der Piratenpartei aufnehmen und uns um die Wähler der Zukunft kümmern, um die jungen Wähler."

Diese Reaktion hätten die Anhänger der Piratenpartei am Sonntag wohl nicht erwartet, als sie zu einigen Hundert zu ihrer Wahlfeier ins Astra-Kulturhaus im Berliner Stadtteil Friedrichshain kamen. Das Publikum vor Ort: jung, vorwiegend männlich, viele tragen T-Shirts mit dem Logo der Partei. Kleidungsstücke mit aufgedruckten Statements scheinen überhaupt sehr verbreitet. Ein junger Mann, Anfang 20 vielleicht, trägt ein T-Shirt mit dem Aufdruck: "PC-Spiele machen nicht gewalttätig. Ich war schon als Kind so". Einige Erwachsene und ihre Kinder haben sich als Piraten verkleidet. Zur gleichen Zeit sind unzählige Anhänger der Partei an einem anderen Ort unterwegs: im Web. Über Facebook, Twitter und in Chatrooms kommentieren sie, parallel zur wirklichen Welt, die Wahl. Schließlich fand der Wahlkampf der Piraten vorwiegend dort, im Virtuellen, statt. "Es ist nicht Deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist. Es wär nur Deine Schuld, wenn Sie so bleibt. Klarmachen zum Ändern!", heizten sie der Anhängerschaft noch am Nachmittag über Twitter ein. Und erreichten viele, so wie User "Timotion", der berichtete, dass er eben seine Stimme abgegeben habe: "Zum ersten mal das gute Gefühl auch das gewählt zu haben womit ich mich wirklich identif. kann. Danke Piraten!!!"

Die Piratenpartei hat mit ihrem Stimmenanteil nicht nur einen Achtungserfolg errungen, sondern ein fulminantes Bundestagswahldebüt hingelegt. Zwei Prozent der Wähler haben sich für sie entschieden. Das sind rund 850.000 Menschen. In einigen Wahlkreisen und Stadtteilen in Hamburg und Berlin konnten die Piraten mit den etablierten Konkurrenten mithalten oder sie sogar übertreffen. In Hamburg-Veddel beispielsweise lagen sie bei 10,6 Prozent, die CDU kam auf 10,2. In Berlin-Kreuzberg-Friedrichshain holten sie sechs Prozent, nur 0,1 Prozent weniger als die FDP. Dieser Erfolg spiegelt den rasanten Mitgliederzuwachs wider: Als die Partei vor drei Jahren nach schwedischem Vorbild gegründet wurde, hatte sie 870 Mitglieder. Heute sind es fast 10.000, täglich kommen derzeit etwa 100 dazu. Ihre Anhänger, überwiegend junge Männer, lassen sich schnell für eine Mitgliedschaft begeistern. Aber die Frage lautet jetzt: Will diese Bewegung, die sich nicht weniger, aber eben auch nicht mehr als die Freiheit im Internet auf die Fahnen geschrieben hat, auch eine richtige Partei sein?

Wenn es nach ihrem Bundesvorsitzenden Jens Seipenbusch geht, dann muss sie das wollen. "Die Wahl hat gezeigt, dass unsere Themen wichtig sind und dass wir erfolgreich sein werden", sagt er. Einerseits wolle man beim Kernthema bleiben, andererseits diskutiere man beispielsweise auch über wirtschaftspolitische Fragen wie das Patent- und Monopolrecht oder über die Atomkraft. Wichtiger als inhaltliche Themen ist der Prozess der Themenfindung. Der soll im Internet stattfinden, gemeinsam mit Wählern und Bürgern. Jeder, der will, soll sich an der Diskussion beteiligen. Wie das aber konkret zu Ergebnissen führen soll, weiß in der Partei noch keiner. Der Piratenchef Seipenbusch weiß, dass die Bewegung bald gesättigt sein wird: Der Zuwachs an neuen Mitgliedern wird nicht ewig so hoch bleiben, der "Hype" wird nachlassen, und spätestens dann muss etwas Ernsthaftes kommen.

Seipenbusch hat einen schweren Stand bei den Piraten, für die das Credo "Wir sind das Anti-Establishment" allgegenwärtig ist. Der Physiker, hauptberuflich Leiter der IT-Abteilung der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Münster, hebt sich deutlich von der Basis ab. Er ist kein Nerd, der Computer als zusätzliches Körperteil betrachtet. Der 41-Jährige wirkt souverän und wagt den Versuch, die verspielte Basis zur Räson zu bringen. Aus seinem Mund wird man kein "Aaargh!" zur Begrüßung hören, wie das unter den Piraten üblich ist. Und er wird wohl auch keine Augenklappe tragen. Nach dem Erfolg denkt er an die Zukunft: "Wir müssen professioneller werden und unser Potenzial in konkrete Forderungen übersetzen", sagt er. Heißt: eine richtige Partei werden.

Dafür müssen sich die Piraten auch von Kräften befreien, die ihr schaden könnten. Das fällt ihr im Moment noch schwer. So tritt der Ex-SPD-Abgeordnete Jörg Tauss, der wegen Besitzes von kinderpornografischem Material angeklagt ist, auf der Wahlfeier wie ein Pate der Partei auf. Er wolle "mit seinen politischen Erfahrungen" helfen. Das wirkt anbiedernd: So zeigt sich Tauss beeindruckt vom T-Shirt eines Parteifreundes mit der Aufschrift "Keiner hat die Absicht, eine Gestapo zu errichten", daneben ein Bild von Innenminister Wolfgang Schäuble. "Große Klasse!", ruft Tauss. Seipenbusch ist Profi genug, um sich zurückhaltend zum Fall Tauss zu äußern, sagt aber: "Tauss selbst will keine Aufgaben in der Partei übernehmen. Ich denke, dass diese Entscheidung richtig ist."

Neben dem Anspruch von Leuten wie Seipenbusch spricht auch das Wahlergebnis dafür, dass aus der Bewegung eine richtige Partei werden könnte. Viele erinnern an die Grünen, die bei ihrer ersten Bundestagswahl 1980 1,5 Prozent erreichten, bevor sie 1983 den Sprung ins Parlament schafften – unter anderem weil sie ihr Kernthema, den Umweltschutz, ausbauten. Das will die Piratenpartei auch, zunächst allerdings wollen sie in den nordrhein-westfälischen Landtag (2010) und das Berliner Abgeordnetenhaus (2011) einziehen.