Der Dirigent als Himmelstürmer: Gustavo Dudamel (28) macht Karriere © Mathias Bothor/Deutsche Grammophon

Wenn die venezolanischen Musiker vom Simón Bolívar Youth Orchestra die Bühne betreten, sehen sie aus, als seien sie auf dem Weg ins Nachtleben von Caracas. So viel Gel glänzt in den Haaren der jungen Männer, so selbstbewusst hoch sind die Absätze der jungen Frauen, so aufgekratzt ist ihre Laune. Der Abend scheint ihnen Hochstimmung und Hormonkitzel zu versprechen. Dabei geben sie nur ein Konzert mit Werken von Beethoven, Mahler oder Tschaikowski. Europäische Symphonieorchester sehen nie aus, als wollten sie sich in ein Partyabenteuer stürzen.

Bedächtige Archivare ihrer Kunst sind sie im Vergleich mit den Südamerikanern, stirnrunzelnde Traditionshüter, die vieles (und womöglich das Beste) schon hinter sich haben. Das ist der Effekt, wenn das venezolanische Jugendorchester auf Tournee geht: Es lässt die Hochkultur des alten Europa sehr alt, erfahrungsmürbe und melancholisch erscheinen. Stellt man sich die klassische Musik als ein üppig gedecktes Buffet vor, dann näseln die Europäer nur noch mit spitzen Fingern und überfeiner Zunge daran herum, während die Südamerikaner sich die großen Silberplatten schnappen und sie mit Heißhunger abräumen.

Vorn am Pult gibt Gustavo Dudamel das Kommando zum Sturm. Ein begeistertes Leuchten steht ihm beim Dirigieren in den Augen, befeuernd sind seine Armbewegungen und in den Fortissimostellen biegt er den Rücken so weit nach hinten, als wolle er den Himmel umarmen. Er verstehe gar nicht, sagt er, warum die klassische Musik in Europa im Ruf stehe, elitär und abgehoben zu sein, während sie in seiner Heimat als etwas sehr, sehr Lebensnahes und Existenzielles empfunden werde.

Das venezolanische "Musikwunder" ist oft beschrieben worden: Die märchenhafte Geschichte vom Musiker und Sozialaktivisten José Antonio Abreu, der in den siebziger Jahren begann, Symphonieorchester und Musikschulen zu gründen, um verarmte Kinder und Jugendliche von der Straße zu holen und ihnen eine Lebensperspektive zu geben.

Aus bescheidenen Anfängen entwickelte sich mithilfe großzügiger staatlicher Unterstützung El Sistema, einer musikalischen Volksbewegung, der inzwischen 300.000 Kinder angehören, die kostenlos Instrumente erlernen und in über 200 Orchestern spielen. Gustavo Dudamel ist der erste internationale Star, den das System hervorgebracht hat. Früh kam der Sohn eines Salsa-Posaunisten mit dem Projekt in Kontakt, nahm Violin- und Kompositionsunterricht. Mit 14 Jahren leitete er sein erstes eigenes Jugendorchester, mit 18 begann er als Dirigent des Simón Bolívar Youth Orchestra um die Welt zu reisen.

Es hat einen entwaffnenden Charme, wie Gustavo Dudamel alles, was auf seinem Dirigentenpult landet, vor Vitalität schier bersten lässt. Überall sucht er den Rausch, den Übermut, die Ekstase. Er ist ein Rhythmiker und Mambotänzer am Pult, er liebt es, die Klangenergien des Orchester bis zum Gehtnichtmehr zu stauen, um den Druck dann in einer spektakulären Entladung entweichen zu lassen.