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Die "A-Rosa Aqua" zwischen Oberwesel und der Loreley

Wenn man die Donau liebt, hat man dem Rhein gegenüber Vorbehalte. Wer südostwärts tendiert, zu k.u.k.-Aura, Klosterbarock und Grünem Veltliner, dem liegt "Vater Rhein", der teutsche Strom, erst mal quer vor der Nase. Man denkt an Männergesangsvereine unter der Loreley, an die wilhelminische Germania-Riesin des Niederwalddenkmals und Besäufnisse in der Drosselgasse … und geht am Pier Köln-Deutz etwas skeptisch an Bord des Schiffs mit der kitschigen Rose am Bug, auf dem man über tausend Kilometer auf dem Rhein schippern wird, "zu Berg" stromaufwärts nach Basel und "zu Tal" retour nach Köln.

A-Rosa Aqua heißt der brandneue, 135 Meter lange Flusskreuzer der Nobelklasse, auf dessen Sonnendeck sich im Abendlicht an die zweihundert Passagiere mit Crémantgläsern zum Auslaufen versammeln. Die Kabinen sind ausgebucht bis zum letzten Bett. Flusskreuzfahrten boomen, besonders auf dem Rhein. Die Schiffshymne ertönt in sämigem Synthesizer-Sound, fast lautlos gleiten wir in den Strom. Groß St. Martin und der Dom ziehen majestätisch vorbei, bis wir hinter der Hohenzollernbrücke wieder südwärts drehen, erstaunlich mühelos für dieses "Bügelbrett". So nennt man die flachen Flusskreuzfahrtschiffe etwas hämisch – sie müssen ja unter niedrigen Brücken durchpassen.

Akklimatisieren an Bord, alles blitzt in frisch gelacktem Komfort: das kreisrunde Treppenhaus-Atrium genauso wie die Lounge mit ihren bauchigen Tempelsäulen. Das Design gehört neben Wellnessangeboten und Trekkingrädern an Bord zum Bemühen des Rostocker Unternehmens A-Rosa, eine jüngere Klientel anzusprechen. Allerdings empfiehlt sich keine Aversion gegen die Farbe Orange – sie ist unerbittlich allgegenwärtig: in den Veloursfauteuils und den zebragemusterten Bodenbelägen, den ausladenden Deckenleuchten und Kabinenvorhängen. Nur die Bettüberwürfe spielen in dunklere Blutorangensafttöne.

Drei Logierdecks gibt es, die Kabinen der beiden oberen sind mit Fenstertüren zum Wasser versehen – so lässt es sich aushalten auf 14,5 Quadratmetern. Aber so eine Bordexistenz ist zwangsläufig eine eher gesellige. Das beginnt schon mit dem Abendessen. Dass man es sich mit großen Löffeln vom Buffet aufladen muss, verblüfft den Neuling auf diesem nicht eben niedrigpreisigen Schiff. Aber das ARosa- Publikum ist auf Selbstbedienung eingeschworen. Sie wird als zwangloser empfunden als feste Tischordnung und gepflegter Steward-Service. Und was die Schiffsküche vorsetzt, schmeckt rundweg ausgezeichnet.

Am ersten Abend aber verzieht man sich vor der etwas drängeligen Kantinenatmosphäre, hinaus in den Nachtwind auf dem nunmehr menschenleeren Oberdeck. Ach, das ist aber schön jetzt. Rollend und breit das große Wasser, zur Rechten sinkt die niederrheinische Sonne. Wunderbar, dieses sachte Treiben auf den Wellen, am Ufer die bunten Lichterketten der Weinlokale und voraus die Überreste der Rheinischen Republik: die Brücken von Bonn, der Turm des "Langen Eugen", das alte Parlament. Wie seltsam verklärt dieses ganze funktionale Bundes-Bonn im Dunkeln vom Wasser aus wirkt, ein Traumbild, das auch schon vorbei ist im fächelnden Wind.

Man schläft wie ein Säugling und wacht bei Stillstand auf. Koblenz. Wir liegen in der Mosel, unmittelbar vor den historischen Fassaden des Schöffen- und Tanzhauses. Sonntagsspaziergänger rufen vom Kai auf unser Deck herüber: "Herrlich haben Sie’s da!" Städte wie diese von ihrer waterfront kennenzulernen ist ungewohnt und vergnüglich. Keine zerfransten Außenbezirke, Tankstellen und Gewerbegebiete; ein Schritt über die Gangway, und man ist mittendrin im historischen Kern, hört kurz dem Vaterunser in der Liebfrauenkirche zu, schlendert über den barocken Jesuitenplatz, guckt in ruhige Oleanderhöfchen und auf den altdeutschen Zierrat noch geschlossener Fachwerkweinstuben. Und blickt vom notorischen Deutschen Eck lieber auf die mittelalterliche Balduinbrücke als empor zum martialischen Kaiser Wilhelm auf seinem Bronzeross.