Sie wollte "überhaupt lauter Unmögliches". Im "Möglichen sich schön zurechtzulegen", hielt sie von Jugend an für Verrat an sich selbst. So kämpfte das fantasiebegabte und lebhafte Kind um die Zuneigung des steif reservierten Vaters und rebellierte gegen die kalte, lieblose Mutter, die aus ihr unbedingt eine fügsame "Tochter aus gutem Haus" machen wollte. Zu diesem Zweck wurde sie in ein Mädchenpensionat gesteckt; die strenge Erziehung dort beflügelte nur ihren Freiheitsdrang. In ihre geliebte Heimatstadt zurückgekehrt, erlebte sie "täglichen Kampf und Quälerei". Die Kunst schien ihr Königsweg in die Freiheit zu werden, nachdem eine ihr wohlgesonnene Tante für Malunterricht gesorgt hatte. Trotz aller Bemühungen brachte sie es zeitlebens aber nur zu freundlichem Dilettantismus.

Als sie sich einem Echtheit und Ehrlichkeit verpflichteten literarischen Club anschloss und der erste ihrer vielen Liebhaber auftauchte, ging ihr Verhältnis zu den Eltern vollends in die Brüche. Sie drohten ihr mit Entmündigung, sogar mit der Psychiatrie, verbannten sie schließlich in ein Pfarrhaus, in dem sie zur Besinnung kommen sollte. Selbst die Ausbildung zur Lehrerin und eine akzeptierte Verlobung stimmten ihre Familie nicht versöhnlich.

Den Großmut ihres Verlobten und späteren Ehemanns nutzte sie für Ausflüge in eine aufregend andere Welt. An einem Ort des künstlerischen Aufbruchs genoss sie in Ateliers, Cafés und Kneipen ein Leben, frei von Zwängen und Konventionen. Feste Bindungen und Abhängigkeiten hielt sie nun für lästige Fesseln. Folglich löste sie ihre Ehe, sie wollte weder als "Wohnstubendekoration" noch als "brauchbares Haustier" dienen. Ihre neue prekäre Existenzform meisterte sie mutig mit nie versiegendem Improvisationstalent, wenn auch manchmal am Rande der Verzweiflung. Sie malte, übersetzte, schrieb Witze und Geschichten, arbeitete erfolglos als Stenotypistin und Versicherungsvertreterin; ihre Karriere als Schauspielerin scheiterte schon mit ihrem ersten Auftritt. Immerhin verkörperte sie für einen esoterischen Kreis Sinnlichkeit und Lebensfreude, sie war dessen "heidnische Heilige". Für die verklemmte Bürgergesellschaft war die erotische Rebellin ein moralischer Skandal; allein die Zahl ihrer Liebesbeziehungen – nie Affären, immer Herzensangelegenheiten – musste schockieren.

Ihre zweite Ehe geriet zur operettenhaften Farce. Am Fuße eines Wallfahrtsorts radikaler Lebensreformer heiratete sie einen Weltmann und versoffenen Kneipengänger, der sich durch eine Zweckehe eine fette Erbschaft sichern wollte. Der Coup scheiterte, er erhielt nur seinen Pflichtteil, die Bank, bei der das Geld lag, ging pleite, und ihr Mann verschwand unbetrauert auf Nimmerwiedersehen.

Die Nonkonformistin im Leben und Denken starb nach einem Fahrradunfall in dem Jahr, in dem ihre Kaste und die Gesellschaft, von der sie sich losgesagt hatte, untergingen. Wer wars?

Lösung aus Nr. 40:
Jean-Claude Izzo (1945–2000) stammte aus Marseille und war Journalist gewesen, bevor er mit 50 Jahren seinen Erstling "Total Cheops" veröffentlichte, einen Bestseller. Mit "Chourmo" und "Soléa", Teil 2 und 3 seiner romanhaften Marseille-Krimi-Trilogie um den Polizisten Fabio Montale, wurde er in Frankreich zum Kultautor. Der Roman "Aldebaran" und eine Lyriksammlung bestätigten sein literarisches Können. Sein Sohn Sébastien betreut die Homepage des früh verstorbenen Autors: www.jeanclaude-izzo.com