Beim Frühstück schwirren Prozente durch die Gaststube. "16", sagt einer in der Ecke und löffelt Müsli. "18", übertrumpft ihn sein Nebenmann, "aber im Schnitt nur 15." Ein Italiener belegt Brötchen mit Schinken und portioniert sie so, dass sie in die Trikottaschen passen. Seine Beine sind rasiert, die Muskeln an den Waden modelliert wie bei einer Statue aus der Renaissance. Die Freundin leistet ihrem Helden Gesellschaft, rührt verschlafen im Kaffee.

Heute ist Radtag am Stilfser Joch. Einmal im Jahr ist der höchste Straßenpass Italiens für den Autoverkehr gesperrt. Dann gehört er den Radfahrern: 27 Kilometer, 48 Kehren, 1869 Höhenmeter bergauf. Die durchschnittliche Steigung liegt in Wahrheit bei neun bis elf Prozent. An der steilsten Stelle beträgt sie keine 18, aber immerhin 15 Prozent. Nicht nur deshalb gilt die Straße unter Rennradfahrern als die Königin der Alpenpässe.

Sie führt durch den Nationalpark Stilfser Joch, verbindet Südtirol mit der Lombardei und Graubünden. Das Joch liegt 2760 Meter über dem Meer, nur wenige Pässe in den Alpen sind noch höher. Die Auffahrt nach Alpe d’Huez, einer der Kultstätten der Tour de France, hat nur 21 Kehren, eine durchschnittliche Steigung von 7,5 Prozent und bei 1130 Höhenmetern ein Ende. Dort bin ich schon einmal an meine Grenzen geraten. Ein erhebendes Bergerlebnis hatte ich nicht. Die Straße zog sich monoton von Serpentine zu Serpentine. Die Königin dagegen soll sehr schön sein. Auch ich will mich heute von ihr quälen lassen.

Tiefe Wolken hängen über dem Tal, vom Ortler ist nichts zu sehen. Trotzdem sind knapp 5000 Radler nach Prad zum Stelviobike gekommen, so heißt der Radtag nach dem italienischen Namen der Auffahrt, Passo Stelvio. Man muss sich nicht anmelden, nichts bezahlen, fährt einfach los, jeder in seinem Tempo. Gut trainierte Sportler bezwingen den Pass in eineinhalb Stunden. Andere machen zwischendurch Pausen, manche müssen schieben.

Prad liegt in den Apfelplantagen des Vintschgaus. Am frühen Morgen sind rund um den Ort die Parkplätze knapp. Vor dem Gasthaus Neue Post blockiener Rennräder den Eingang. Am Ortsausgang fuchteln Polizisten herum. Von Prad bis Gomagoi steigt die Straße nur leicht. Hier könnte ich locker kurbeln. Das Problem sitzt im Kopf. Ich weiß, dass es bis zur Passhöhe unerbittlich bergauf geht. Auch keine kurze Abfahrt wird kommen, auf der ich mich erholen könnte. Der Trafoierbach führt viel Wasser, oben hat’s mächtig geregnet, und es sieht nicht so aus, als ob damit für heute schon Schluss wäre. Mir ist mulmig zumte. Was kommt da noch?