Max und Freddy stehen an der Currybude am Platz, da fällt ihnen ein junger Wermutbruder tot vor die Füße. Gesocks, sagt die Budenbesitzerin, die Penner versauen uns den Umsatz. Der Tote heißt Andi, der teure trockene Riesling in der Pulle ist mit Frostschutzmittel gepanscht. Im Obdachlosencafé stoßen die Kommissare auf Berber, die an Feinkost mümmeln. Der Schönheitschirurg Ellermann veranstaltet regelmäßig eine Tafel für die armen Teufel; mit den Wohltaten macht er auch Eigenwerbung, aber den Berbern kann es egal sein, wer das Essen spendiert. Der Nasen- und Busenkorrektor wollte Andi von der Straße holen. So viel Unschuld lässt frösteln, die Recherche im oberen Gesellschaftssegment bringt Max und Freddy nicht weiter. Ihr Führer durch die Unterwelt heißt Beethoven, weil er in der Kirche Orgel spielt. Er klärt sie auf: Es gibt auf dieser Welt nur Berber und Banker, die Obdachlosen und die normalen Bürger; manchmal greifen saubere Bürgerbälger zum Totschläger, um für saubere Straßen zu knüppeln. Freddy ist ein Freund des saftigen Arschtritts, wer Menschen zum Müll erklärt, kriegt von ihm eine Abreibung. Wir lieben ihn dafür, es macht uns auch nicht wirklich etwas aus, dass er in seiner Freizeit am liebsten in einer amerikanischen Pelzjägerjacke herumlaufen würde.

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Beethoven nervt derweil mit Zitaten von Molière und Mark Twain, er führt die Kommissare aber zu einem jungen Säufer namens Dschango. Wir haben es geahnt, jetzt haben wir es amtlich: Andi war ein Stricher, und Ellermann, der Wohltäter, verhielt sich ihm gegenüber intimer als ein bloßer Förderer und Freund. Der Doktor, so muss auch der rabiate Freddy zugeben, hat nicht das Zeug zum Mörder. Max verkleidet sich als Ber- ber und taucht ein in die Unterwelt. Zu seiner Ver- blüffung entdeckt er unter den Gestrauchelten nicht wenige frühere "Bürger", die ein Schicksalsschlag von oben nach unten fegte.

Verachtet werden die Berber von den kleinen Leuten, weil alle Sprossen der sozialen Leiter besetzt sind. Ein Kleinbürger nennt die Menschen ohne Wohnsitz Asoziale, sonst ergäbe sein Leben hinter Spitzengardinen weniger Sinn. Wer ringt nicht alles um die bürgerliche Existenz? Der Rechtsanwältin, die einen Schnüffler nach einem Berber suchen lässt, droht der Abstieg: Ihre Klienten wollen die Rechnung nicht bezahlen. Auch Max und Freddy läuft die Zeit davon, der zweite tote Berber sorgt in Köln für großen Aufruhr. Wer ist der Giftmischer, der dem Obdachlosen sein Recht auf einen trockenen Platz unter der Brücke streitig macht?

Das ist ein schöner ruhiger, warmer Film mit einem märchenhaften Ende. Aber liegen wir "Banker" so falsch, wenn wir an Märchen glauben? Es kommt die kalte Jahreszeit, denken wir, viele Schüsseln heiße Erbsensuppe, einen warmen Schlafplatz und viele Groschen auf dem Münzteller wünschen wir den Berbern.

 ARD, Sonntag, 4.Oktober, 20.15 Uhr