Vielleicht hat das ja etwas zu bedeuten, ich weiß bloß noch nicht, was: Wenn es mir gut geht im Leben, plagen mich oft schlimme Albträume. Wenn aber die Situation so schlimm ist wie nach meiner Verhaftung, träume ich von den schönsten Dingen. So als brauchte ich etwas, woran ich mich festhalten kann.

Als ich im April dieses Jahres im Frauengefängnis Frankfurt-Preungesheim zehn Tage in Untersuchungshaft saß, habe ich mir große Sorgen um meine Tochter Leila gemacht. Ich konnte sie tagelang nicht sehen und sprechen. Wusste nicht, was los war mit ihr, wie es ihr ging. In dieser Zeit, an diesem Ort war das Träumen für mich das Schönste, der einzige Trost. Einmal sah ich Leila im Traum mit ihren Klassenkameraden über eine grüne Wiese rennen. Sie lachte, hatte Spaß, es ging ihr gut. Als ich aufwachte, wurde mir wieder klar, wo ich mich befand und was geschehen war. Ich war fix und fertig.

Nach meiner Entlassung hatte ich einen Termin an Leilas Schule, meine Mutter begleitete mich. Wir wollten mit dem Elternbeirat klären, wie es mit Leila weitergehen sollte – ich musste sie schützen. Vor der Schule musste Wachpersonal postiert werden, weil überall Journalisten lauerten, die den Kindern Geld boten für Interviews. Zum Glück waren die Klassenkameraden sehr solidarisch. Jeder schrieb Leila einen Zettel mit guten Wünschen. Drei, vier Klassenkameraden begleiteten sie sogar täglich zur Schule und wieder nach Hause. Und immer wenn jemand auf sie zukam und sie ansprechen wollte, schirmten sie Leila ab. "Keine Fragen!" Es bewahrheitete sich also, wovon ich geträumt hatte: dass meine Tochter im Kreise ihrer Mitschüler gut aufgehoben ist.

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Nach meiner Entlassung habe ich mit ihr ausführlich über meine HIV-Infektion gesprochen. Ich habe versucht, ihr das kindgerecht zu erklären. Dass Mama ein Virus in sich trägt, gegen das sie Medikamente nehmen muss, um nicht schlimm krank zu werden. Dass sie gute Ärzte hat, die das kontrollieren. Ich glaube, Leila hat schon immer gespürt, dass mit mir etwas nicht stimmt. Und schon als kleines Kind nahm sie Rücksicht. Ich erinnere mich an einen Abend, da kam ich von einem Konzert nach Hause, Leila war damals etwa vier. Ich war müde und legte mich aufs Sofa. Leila dachte wohl, dass ich schon schlafe, und schlich auf Zehenspitzen aus dem Zimmer, um mich nicht zu wecken. Ein anderes Mal beobachtete sie mich, als ich meine Medikamente nahm. Sie fragte, was ich da schlucke. "Vitamine", antwortete ich. Erst nach meiner Haftentlassung habe ich sie über alles aufgeklärt. Sie schien mir danach erleichtert. Wahrscheinlich, weil sie all die Jahre schon geahnt hatte, dass ich ihr irgendwas verheimliche. Sie reagierte sehr erwachsen, sehr gefasst. Sie sagte: "Wir schaffen das gemeinsam. Alles wird gut."

Aufgezeichnet von Nana Heymann

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