Wer auf Mackie Messer und seine gesetzlose Bande, die Huren und das krakeelende Lumpengesindel treffen will, muss seine Handtasche durchleuchten lassen und den Ausweis abgeben. Dann darf er durch die vier Panzerglastüren der Sicherheitsschleuse in den vergitterten Garten treten. Von da führt der Weg, von meterhohen Zäunen flankiert, zum Haus 06, dem Haus der Kultur: Wie Tiger in die Manege werden die Zuschauer in das Theater bugsiert. Heute Abend gibt es die Dreigroschenoper – ziemlich frei nach Bertolt Brecht.

Nichts im Theatercafé erinnert die fünfzig Besucher, die, durch Zeitungsinserate und Einladungen angelockt, von draußen kamen, noch daran, dass sie sich in einer Klinik befinden, in der größten der Republik dazu, in der forensisch-psychiatrischen Anstalt Lippstadt-Eickelborn, in der 390 Straftäter eingesperrt sind. Und nichts weist darauf hin, dass die höflichen Kellner und das ganze Theaterensemble heute Abend vom Strafrichter aufgrund ihrer psychischen Defekte auf unabsehbare Zeit hierher geschickt worden sind. Unter den Schauspielern, die sich freundlich unters Publikum mischen, sind viele, die Tötungsdelikte oder schwerste Sexualstraftaten begangen haben.

Noch während die Gäste an ihren alkoholfreien Cocktails nippen, beginnt das Stück. Wände werden von rezitierenden Darstellern zur Seite geschoben, der kleine Zuschauerraum und die Bühne öffnen sich, die Besucher nehmen jetzt Platz, und die berühmte Geschichte von Mackie und Polly, vom Bettlerkönig Peachum und vom korrupten Londoner Polizeichef Tiger-Brown beginnt.

Das Stück ist nicht originalgetreu, manche Textpassagen und Lieder wurden von den Patienten umgeschrieben, andere weggelassen oder hinzugefügt, aber der bitter-komisch-moralische Brecht-Ton hat alle Änderungen überdauert. Dieses Stück – das sei vorgreifend berichtet – findet seine wahre Erfüllung erst, wenn es von Straffälligen bearbeitet, gesungen und vorgetragen wird, von Menschen, die bisweilen ganz anderen Gesetzen folgen als denen des BGB und des StGB und die abenteuerlicher daherkommen, als Brecht sich das Dreigroschen- Personal je vorgestellt haben mag. "Der Mensch ist nicht sehr gut, drum hau ihn auf den Hut. Hast du ihn auf den Hut gehaun, dann wird er vielleicht gut", singen sie und sie wissen, was gemeint ist.

Besonders derb und komödiantisch geht es auch deshalb zu, weil alle Schauspieler Männer sind. Zu zwölft spielen sie zwanzig Rollen: Strauchdiebe, Prostituierte, Pastoren, junge Mädchen, Ehefrauen und jede Menge Polizisten. Und an der Verwegenheit und Wandlungfähigkeit mancher Darsteller ist zu merken, dass ein Gutteil des Ensembles dieser Theatergruppe seit Jahren treu ist. Einige, zum Beispiel der junge Hauptdarsteller Simon, der den aalglatten Mackie Messer gibt, oder Rolf, der den knorrigen Polizeichef darstellt, oder Patrick, der den selbstgefälligen Bettlerkönig verkörpert, oder Volker, der gleich in drei Rollen (Ganove, Moritatensänger, Hure) mitwirkt, erfüllen ihre Figuren mit solchem Leben, dass man glauben könnte, die Klinik hätte sie sich bei einer städtischen Bühne ausgeborgt.

Doch für die Darsteller dieses Abends ist Theater kein Beruf, nicht Broterwerb und auch nicht Kunst. Für sie bedeutet es Glück, Erfolg – und Freiheit. "Die Entfesselten" nennen sie sich, und sie spielen um ihr Leben. Die Kostüme haben sie selbst genäht, die Kulisse selbst entworfen. Auf der Bühne vergessen sie die Hypothek, die auf ihnen lastet, und selbst die Gitter und Mauern. Und ihre große Leistung besteht darin, auch ihr Publikum all die bedrückenden Tatsachen ganz vergessen zu lassen und es einen Abend lang aufs Beste zu unterhalten.

Nicht jeder darf mittun beim Psychiatrietheater. Die Erlaubnis vom Therapeuten bekommt nur, wer sich an Absprachen hält und – jedenfalls innerhalb der Klinik – ungefährlich ist. Es ist wohl kein Zufall, dass das Ensemble vor allem aus Menschen mit Persönlichkeitsstörungen besteht. Diese Patienten sind häufig sehr intelligent, zeigen aber ungewöhnlich exzentrische und verschrobene Charakterzüge. Wer sie da singen und gestikulieren sieht, muss ein bisschen an Klaus Kinski und Heath Ledger denken und fragt sich, ob es mitunter ein seelischer Defekt ist, der den Schauspieler erst so richtig beflügelt. Dieselbe psychische Aberration, die manchen der Dreigroschenoper- Sänger zu seinem Verbrechen bewog, verleiht ihm womöglich heute Abend diesen Witz, diese Furchtlosigkeit und Bühnenpräsenz. Und vielleicht wäre der eine oder andere niemals straffällig geworden, hätte ihm eine Bühne schon früher offen gestanden.