www.zeit.de/audio

www.zeit.de/audio

www.zeit.de/audio

www.zeit.de/audio

Am Ziel: FDP-Chef Westerwelle © Andreas Rentz/Getty Images

Dem Publikum gefällt, was Guido Westerwelle zu sagen hat. Leistung müsse sich wieder lohnen, das ist seine Botschaft. "Wer arbeitet, muss mehr haben als der, der nicht arbeitet", sagt er. Es ist ein Mittwoch im September, es ist Wahlkampf. Westerwelle spricht in der Alten Oper in Frankfurt anlässlich des Investmentdialogs der Deutschen Genossenschafts-Zentralbank, "der größten Veranstaltung im genossenschaftlichen Banksektor für vermögende Privatkunden", wie in der Einladung zu lesen ist. Der Redner, seine Botschaft und das Publikum – sie entsprächen dem Bild der FDP als Spaßpartei der Besserverdienenden, wird es später heißen. Es ist der 4. September 2002, die FDP wird bei der Bundestagswahl 7,4 Prozent erreichen.

Dem Publikum gefällt, was Westerwelle zu sagen hat. Leistung müsse sich wieder lohnen, das ist seine Botschaft. "Wer arbeitet, muss mehr haben als der, der nicht arbeitet", sagt er. Es ist ein Samstag im September, es ist Wahlkampf. Westerwelle spricht auf dem Heumarkt in Köln, fast 1000 Menschen – Parteifreunde und "Andersgläubige", wie Westerwelle sie begrüßt – sind zur Abschlusskundgebung der FDP gekommen. Der Redner, seine Botschaft und das Publikum – sie entsprächen dem Bild der neuen FDP, die sich der Mitte geöffnet habe, wird es später heißen. Es ist der 26. September 2009, die FDP wird bei der Bundestagswahl 14,6 Prozent erreichen.

Auch bei Stefan Raab trägt der FDP-Chef Anzug und Krawatte

Sieben Jahre und 7,2 Prozentpunkte liegen zwischen Frankfurt und Köln, zwischen Opposition und Regierungsbeteiligung. Sieben Jahre, in denen zwar die Kernbotschaft der FDP die gleiche geblieben ist, Guido Westerwelle und seine Partei in ihrem Habitus und ihrer Tonalität aber andere geworden sind. Den Polit-Christo hat man Westerwelle genannt, einen Verpackungskünstler seiner selbst. Doch an dieser Stelle soll es nicht um die sieben Jahre dazwischen gehen, den Blick zurück darauf, wie aus dem Container-Gudio, dem 18-Prozent-Guido, dem Leichtmatrosen-Guido, eben dem ewigen Guido der So-gut-wie-Außenminister geworden ist. Hier soll es nicht ums Werden gehen, sondern ums Sein.

Was passiert mit einem wie Westerwelle, der nach Jahren des Prinz-Charles-haften Wartens endlich an die Macht kommt? Wie verhält sich einer wie er jetzt, da eine Verheißung aus der Vergangenheit doch noch Wirklichkeit geworden ist, jetzt, da sich erfüllt, was einst Projekt 18 hieß: eine FDP, die auf Bundesebene deutlich im zweistelligen Bereich abschneidet? Wie geht einer, dem Arroganz nachgesagt wird, der oft überdreht hat, damit um, wenn er siegt?

31 Stunden bevor über dem gelben Balken in der ersten Hochrechnung eine 15 stehen wird, sitzt Guido Westerwelle auf einer Bierbank, vor ihm auf dem Tisch mit der blauen Plastikdecke steht eine Tasse Tee, zum dunklen Nadelstreifenanzug trägt er einen gelben Vliesschal mit FDP-Logo. Es ist ein grelles Gelb, ein Gelb, das das Auge provoziert. Westerwelle trägt den Schal, weil er schnell heiser wird, der Schal hält seinen Hals warm. Auf die Bühne wird er ohne grelles Gelb gehen, der Schal bleibt auf der Bierbank liegen. Guido Westerwelle will nicht provozieren, er will gewinnen.

In der Menschenmenge auf dem Heumarkt hält ein Trupp ironisch gestimmter Protestler ein Schild in die Höhe. "Guido-Bingo" steht darauf geschrieben, darunter sind zwölf Kästchen mit Begriffen, wie sie dem Westerwelle-Klischee entsprechen, "Leistungsträger", "Wachstum", "Steuersenkung" und "Wohlstand". Fällt einer dieser Begriffe in Westerwelles Rede, dann streichen die Spötter ihn mit einem roten Edding durch. Fast 40 Minuten redet Westerwelle, und als er seinen letzten Satz spricht, "Ich wünsche Ihnen allen Glück und Gesundheit", da haben noch nicht einmal die Hälfte der Bingo-Kästchen einen roten Eddingstrich. Die Schildhalter schauen ein wenig irritiert auf die strichfreien Stellen.

Die fehlenden Eddingstriche, sie verraten etwas über den gefühlten und den realen Guido Westerwelle. Gefühlt scheint er für viele immer noch der neoliberale Leistungsfanatiker zu sein, obwohl er real als Mann der arbeitenden Mitte auftritt. Überhaupt verrät dieser Samstag vor der Wahl viel über den Guido Westerwelle am Sonntag nach der Wahl. Am Samstagabend ist er zu Gast bei Stefan Raabs Sendung TV total, mit ihm in der Runde sitzen Gregor Gysi, Jürgen Trittin, Franz Müntefering, Christian Wulff und Karl-Theodor zu Guttenberg. In Raabs Sendung, im Spaß- und Sprücheambiente mit jungen Zuschauern, da gehts locker zu – das hat sich wohl Guttenberg gedacht, der in Jeans, Karohemd und Sakko gekommen ist. Das haben sich wohl auch Gysi und Müntefering gedacht, die sich stimmungstauglich gegenseitig beleidigen und niederblöken. Es ist Westerwelle, der in Anzug und Krawatte, mit gefalteten Händen zur Ernsthaftigkeit mahnt: "Die Bürgerinnen und Bürger wollen nicht nur eine stimmungsvolle Sendung, sie wollen vor allem eine Entscheidung für die Wahl, deswegen sollten wir uns hier nicht so persönlich attackieren." Es gehe um unser Land, ein Satz, den er an diesem Abend mehrmals benutzen wird. Das klingt staatsmännisch, ist aber wenig unterhaltsam. Guido Westerwelle will nicht unterhalten, er will gewinnen.