Das ist keine Komödie. Dass es hier um mehr geht, hört man schon, bevor die Bühne hell wird. Da ist ein düsteres Brummen, ein Klang aus der Unterwelt, den Andrea Breth durch den Raum schickt. Hier wird es kein Lustspiel geben. Hier beginnt der verzweifelte Kampf eines großen Lügners gegen die Wahrheit.

Nun leuchtet die Bühne im Neonlicht. Wie ein Puppenhaus, das von einem schwarzen Rahmen begrenzt wird, arrangiert Annette Murschetz den Tatort. Das Dörfchen Huisum ist in dieser Inszenierung von Kleists Der zerbrochne Krug bei der Ruhrtriennale in Essen schon erzählt, ehe der letzte Schatten gefallen ist. Stroh liegt auf dem Boden, ein Schweinchenrücken glänzt heraus, später wird dort noch ein Ei gefunden. Grüner, vergilbter Verputz bröselt von den Wänden, die noch von schiefen Aktentürmen gehalten werden. Es scheint ein muffiger Luftbrei von der Bühne auszugehen. Hier liegt alles ganz nah beieinander: Stallgeruch und Amtsstube, Recht und Mist, Schwein und Personal.

Vorn am Bühnenrand im Salzlager der Zeche Zollverein sitzt ein Ramponierter mit fettigem Resthaarkranz, der nur mit einem schmutzigen Lendenwickel bedeckt ist – zugerichtet wie ein Penner, verschlampt wie ein Säufer, zerpflückt wie ein aus dem Sarg Entstiegener.

Es ist Adam, der Richter. Und so wie Sven-Eric Bechtolf ihn darstellt, ist er ein Gefallener, vom Leben Aufgeriebener, dessen Rechtsverständnis nur seiner Machterhaltung dient. Das alles zeigt Bechtolf in kleinsten Details und mit einer fast qualvollen Intensität.

Vom Kopf tropft aber nach der Nacht, in der er Eve nachstellte, das Blut. "Was hat das Gesicht euch so vermengt?", fragt sein Schreiber Licht über seine schmale Brille hinweg, den Richter musternd. Die lange Wunde am Schienbein desinfiziert dieser aber zunächst, nicht ohne selbst einen kräftigen Schluck zu nehmen, mit Schnaps und humpelt klumpfüßig zum Richtertisch. Er quält sich in Schuhe und Hemd hinein. Er kommt erst in Gang, als er seinem plötzlichen Besucher, Gerichtsrat Walter, der die Rechtsordnung im Land kontrollieren soll, den korrekten Richter vorspielt. "Wer konnte, du gerechter Gott, wer konnte / So freudigen Besuches sich gewärt’gen. Kein Traum, der heute früh Glock achte noch / Zu solchem Glücke sich versteigen durfte." Es ist schon fast eine Hymne auf die Lüge, die Andrea Breth hier anstimmt.

Es ist Gerichtstag, und Frau Marthe will ihren zerbrochenen Krug verhandeln. Spätestens seit dem Albtraum, von dem Adam seinem Schreiber am Morgen berichtete, weiß jeder, dass er selbst den Krug zerschlug. Nun muss er einen Scheinprozess führen – gegen sich selbst. Als auch Eve erscheint, erpresst er sie am Rande der Verhandlung. Denn sie soll schweigen über den Vorfall, sonst, so sagt Adam, müsse ihr Verlobter Ruprecht in den Krieg.

Kleist selbst sah Adam als einen Bruder von Ödipus. Die beiden verbindet nicht nur der Klumpfuß. Aber während Ödipus nur ahnt, dass er seinen Vater getötet hat und ernsthaft nach dem Täter fahnden lässt, versucht Dorfrichter Adam die Klärung des Falls mit allen Mitteln zu verhindern. Einerseits bringt er mit immer neuen verwegenen Lügen und Ausreden Verwirrung ins Geschehen, als sei er bloß ein toller einfallsreicher Spieler; andererseits kämpft er mit verbissener Kraft ums Leben wie einer, der weiß, dass ihn nur eine Haaresbreite vom Abgrund trennt. Die Katastrophe kündigt sich schon an, wenn eine kleine Fliege, brummend und bedrohlich, die Stille zerschneidet.