Im Nachhinein ist das alles schon ziemlich irre. Da ist zum Beispiel Catrin-Sabine Lori, die Tochter eines hochrangigen Stasioffiziers, die im Sommerurlaub die abgelegten Klamotten der westdeutschen Ehefrau ihres westdeutschen Geliebten trug und sich freute, für eine Wessibraut gehalten zu werden. Oder die Fotografin Brigitte Szirmai, die am Strand die Familie ihrer vor vielen Jahren in den Westen ausgewanderten Freundin ablichtete und das Bild hinterher einem DDR-Schulbuchverlag als Musterbeispiel für die sozialistische Idealfamilie verkaufte. Auch der alte Herr Liman wirkt auf dem Erinnerungsfoto vom Treffen mit seiner westdeutschen Schwiegertochter eher wie ein generöser Gastgeber als wie der arme Ostopa, dem man an Weihnachten ein Päckchen Bohnenkaffee schickte.

Am Balaton, dem riesigen See in der ungarischen Steppe, stand die Welt bis zur Wende auf dem Kopf. Hier verbrachten Ost- und Westdeutsche schon seit den sechziger Jahren gemeinsam ihren Sommerurlaub. Familien fanden für ein paar schöne Wochen wieder zusammen, deutsch-deutsche Freundschaften wurden geschlossen, Ehen gestiftet und, sicher, wurde hier auch Geschichte geschrieben. Nur handelt diese Geschichte nicht von großen Männern und ihren großen Fragen. Sie handelt von Urlaub, von der kleinen Freiheit, die sich die Menschen irgendwann auch im richtigen Leben nicht mehr nehmen lassen wollten. Als im Sommer 1989 mehr als 20000 DDR-Bürger sich weigerten zurückzufahren und die ungarische Regierung sie gen Westen ziehen ließ, waren die Tage der deutschen Teilung gezählt.

Es passt also, dass das Berliner Collegium Hungaricum den deutsch-deutschen Sommerferien im deutsch-deutschen Jubiläumsherbst eine große Ausstellung widmet. Die Idee dazu war dem Direktor János Can Togay gekommen, kurz nachdem er vor zwei Jahren die Leitung des neuen, direkt hinter der Humboldt-Universität gelegenen Kulturinstituts übernahm. Da hatten sich Ostler und Westler längst damit abgefunden, nicht besonders gut miteinander zu können. Es fehle die gemeinsame Erinnerung, hieß es. Doch was war mit dem Balaton? Hatten die Leute das alles vergessen?

Togay suchte über Anzeigen in mehreren überregionalen Tageszeitungen nach Menschen, die vor der Wende dort gewesen waren und etwas zu erzählen hatten – und bekam auch ein paar Einsendungen. Dann berichtete die Berliner Zeitung über das Projekt, und plötzlich konnte der Direktor sich vor Zuschriften nicht mehr retten. Mehr als 30 ehemalige Balatonurlauber haben die Mitarbeiter des Collegium Hungaricum im Laufe des vergangenen Jahres dann zu "Zeitzeugeninterviews" geladen. Ihre Erzählungen, Fotos, Tagebücher und Videofilme hat der ungarische Medienkünstler Péter Forgács mit zeitgenössischen Kino- und Werbefilmen zu multimedialen Collagen zusammengeschnitten, deren kühle Ästhetik einen vergessen lassen soll, dass da auch aufseiten der Veranstalter eine ganze Menge Nostalgie mitschwingt. Schließlich erzählt die Ausstellung Deutsche Einheit am Balaton von der größten Zeit, die das Reiseland Ungarn je erlebt hat.

Der Balaton war damals noch kein Billigziel für Menschen, die sich Mallorca nicht mehr leisten können. Ungarn war etwas ganz Besonderes: ein bisschen Süden, ein bisschen Westen und nur ganz wenig Osten. Schon in den sechziger Jahren, als die Kádár-Regierung aus Angst vor einem neuen Aufstand die eigene Bevölkerung durch eine recht lockere Kultur- und Konsumpolitik bei Laune zu halten versuchte, fühlten sich auch Westdeutsche nicht mehr fremd. Mit den Jahren wurde Ungarn in ihren Augen zum legitimen Nachfolger des seit den zwanziger Jahren mit viel Piroschka- und Paprika-Romantik beladenen ehemals österreichischen Kronlandes. Für Ostdeutsche begann in Ungarn die große Welt. Hier wurden Filme gezeigt, die die heimischen Tugendwächter hätten erröten lassen. Es gab westliche Rockmusik, Sonne und Südfrüchte. Auf vielen der Bilder, die nun im Collegium Hungaricum über die Bildschirme flattern, sieht man Berge von Melonen, riesige reife Tomaten, scharfe Wurst, hin und wieder auch mal eine Banane.

Am Balaton gab es keinen Mangel, das betonen alle Urlauber. Der Service war immer freundlich, das betonen vor allem die Westler. Und wenn man genau hinhört, bemerkt man die feinen Unterschiede, die es natürlich doch gab. Viele DDR-Bürger berichten, wie schockiert sie waren, als sie feststellten, dass der Überfluss für Leute aus dem Westen ganz alltäglich war. So blieb einer Dresdnerin fast das Herz stehen, als sie im Campingkühlschrank ihrer westdeutschen Balaton-Nachbarin zehn verschiedene Sorten Fruchtjoghurt sah. Umgekehrt ist es einem Westberliner noch immer peinlich, dass er in den sechziger Jahren einmal zum Seegespräch wurde, weil er ein Taxi mit Westmark bezahlt hatte.