Was zu den Themen Menschenhandel und Korruption, Ausbeutung und Niedertracht in der Volksrepublik vorzubringen ist, erzählt uns die zeitgenössische chinesische Literatur. Sie tut das auch ohne die ihr oft unterstellte Anstiftung durch "feindliche ausländische Mächte". Eines ihrer souveränsten Mittel ist dabei die Form der künstlerischen Reportage, ursprünglich ein Kind der sozialistischen Propaganda der frühen fünfziger Jahre. Damals machten sich Schriftsteller auf, um in entlegenen Dörfern einen Parteikader, einen Bauern oder eine Lehrerin zu befragen, welch großartige Veränderungen sich hier seit Einführung des Kollektivismus zugetragen hätten. Dreißig Jahre später nutzte die Pekinger Schriftstellerin Zhang Xinxin dieses Muster, um für ihr Buch Hundert Pekingmenschen eine Serie von Gesprächen mit den "Menschen auf der Straße" zu führen, die von allem Möglichen berichteten, nur nicht vom Glück, das sie durch die kommunistische Partei erfahren hatten. Zhang Xinxin hatte ihrerseits das Glück, ihr Werk veröffentlichen zu können, als diese Partei beschlossen hatte, mal einen kurzfristigen Frieden mit den Intellektuellen zu schließen.

Fräulein Hallo und der Bauernkaiser, das neue Buch von Liao Yiwu, treibt nun das frühere sozialistische Erzählmodell auf eine virtuose Spitze. Liao, im Westen bekannt durch seine Beiträge für Lettre International – leider mehr noch aufgrund zahlloser Verhaftungen und Schikanen durch die Organe der Staatssicherheit und jetzt der Weigerung, ihn nach Deutschland reisen zu lassen – zeichnet in fast drei Dutzend Gesprächen die Lebensläufe der Akteure des Schattenreiches der chinesischen Gesellschaft nach. Wir begegnen einem Trauermusiker und einem inhaftierten "Bauernkaiser", der Familie eines Opfers des Massakers vom Platz des Himmlischen Friedens und einem alten Grundbesitzer, wir erfahren vom "Bodensatz" jener Gesellschaft, von Opfern und Gaunern, von staatlicher Willkür und auch von Würde in würdelosen Zeiten.

Und doch besteht Chinas Gegenwart aus mehr als Verstößen gegen die Menschenrechte. Scharfes Bellen hilft der Kenntnis des Sachstands nicht wirklich voran. Die Vielzahl neuer Bücher, die dem Thema "China" gewidmet sind, ist da ein Schimmer der Hoffnung.

Mit der Volksrepublik ist ein neues politisches und vor allem ein ökonomisches Machtzentrum entstanden, und das will vom staunenden Zuschauer intellektuell erst einmal bewältigt sein. Was haben europäische Denker nicht schon alles angestellt, um zu erklären, warum in China weder Wissenschaft noch Kapitalismus entstehen können, warum der Konfuzianismus eine überlegene Zivilreligion sei, doch nicht tauge zur Überwindung traditionell despotischer Herrschaftsformen, oder warum das Land ein Modell sei für dies oder jenes.

Die vertrauteste Art der intellektuellen Selbstversicherung bleibt wohl die historische Rekonstruktion. Die Freiburger Professorin für Außereuropäische Geschichte, Sabine Dabringhaus, hat nun eine handliche, doch materialreiche Geschichte Chinas im 20. Jahrhundert veröffentlicht, die nachzeichnet, in welchen Etappen sich jener Prozess vollzog, der uns heute vor die vielen Rätsel stellt. Periodisierungen der chinesischen Geschichte sind unter Historikern eine beliebte Übung: Was waren die entscheidenden Brüche, wann zeichneten sie sich ab? Was kennzeichnet welche Epoche stärker, worin bestand die Dynamik? Frau Dabringhaus kennt diese Diskussionen, erspart sie dankenswerterweise aber weitgehend ihren Lesern. Selbstverständlich ist der Kapitalismus nicht erst nach 1978 ins Land gezogen, naturgemäß setzt der Sturz eines Kaiserhauses ein anderes Zeichen als ein Präsidentenwechsel. Wie weit der Pollenflug historischer Motive gehen kann, erzählt die Autorin in einer kleinen Randbemerkung aus dem Jahre 1907, als ein chinesischer Jugendverband sich und dem ganzen Land die strenge Frage vorlegte: "Wann kann China die Welt nach Beijing zu Olympischen Spielen einladen?"

Darin schwang gewiss auch schon die Frage nach nationaler Gleichberechtigung mit, nach einem Ende der internationalen Demütigung, ein, wenn nicht das Leitthema des 20. Jahrhunderts aus chinesischer Sicht. So schwierig es trotz heftigster Bemühungen westliche Religionen hatten, im Land geistesgeschichtliche Spuren zu hinterlassen, so überwältigend war der Siegeszug des Nationalismus. Das sei hier nicht in einem dumpf chauvinistischen Sinn niedergeschrieben, deutet vielmehr auf jene Geisteshaltung, die ein chinesischer Sinologe vor einigen Jahren als "Chinabesessenheit" charakterisierte. Er meinte damit einen Zustand der (meist quälenden) Selbstbefragung nach nationaler Würde und Identität, dem nationalen Charakter. Das Thema ist nach wie vor ein Kassenschlager.

Wenn Frau Dabringhaus eine eher enzyklopädische Neugier auf das 20. Jahrhundert befriedigt, so greift der Sinologe Helwig Schmidt-Glintzer sehr virtuos ein nur scheinbar paradox formuliertes Thema auf: Chinas Angst vor der Freiheit heißt sein neues Buch, und es pflückt von vielen Sträuchern der chinesischen und der europäischen Kulturgeschichte. Schmidt-Glintzer ist ein Schüler des großen Münchner Sinologen Wolfgang Bauer, dessen akademische Leidenschaft den Untersuchungen über Individualismus, Freiheit und Glück in der chinesischen Kultur galt, die damals leider für nicht besonders ertragreich gehalten wurden. "Damals" war die Zeit, in der, grob gesagt, nur Mao Tse-tung und der erste Kaiser der Qin-Dynastie als Individuen ernst genommen wurden.