Als Dash Snow in der Nacht vom 13. auf den 14. Juli in einem Hotelzimmer im New Yorker East Village an einer Überdosis Heroin starb, überraschte das wenige. Es passte ins Bild; es passte sogar in all die höchst unterschiedlichen Bilder, die sich Menschen von dem 27-Jährigen gemacht hatten.

Diejenigen, die in ihm den verlorenen Sohn einer reichen und respektierten Dynastie sahen, fühlten sich bestätigt: Wie sollte es auch enden mit einem Jungen, dem die Welt offenstand und der nichts in ihr suchte außer Drogen? Snows Familie hat Museen gegründet, sein Großvater Tenzin Bob Thurman streitet an der Seite des Dalai Lama für ein freies Tibet, seine Tante Uma Thurman wurde für den Oscar nominiert – und er, Dash, wusste nichts aus seinem Leben zu machen.

Andere hatten in Snow, dem Zarten mit den langen Locken, den Messias erkannt, der gekommen war, um einen mythischen Ort zu retten: "Downtown", das Zuhause der Unangepassten. In New York schien dieses Zuhause zerstört, seitdem in den Lofts südlich der Houston Street nicht mehr Künstler wohnten, sondern Bonusbezieher, die die Arbeiten ihrer Vormieter als Kulisse verwendeten für Feste mit Grünem Veltliner und Catering von Cipriani, dem feinen und viel zu teuren Italiener. Dann kam Dash, machte Partys wie früher, mit Sex und Drogen und Rock’n’Roll, und alles, das Geld, der Dreck, die Polizei, war ihm egal. Und ist er nicht an jenem Tag, an dem er sich die letzten 13 Tütchen Heroin in den Arm mit dem Saddam-Tattoo jagt, 27 Jahre alt – genau wie die anderen unangepassten Toten Kurt Cobain, Jim Morrison und Jimi Hendrix? "Welcome to Club 27", schreibt einer im Internet, ein anderer: "Dash, you were downtown."

Das Bild, das diejenigen zeichnen, die Snow nahestanden – sein Galerist Javier Peres, der Fotokünstler Ryan McGinley – und die mit ihm arbeiteten wie die Kuratoren Chrissie Iles und Philippe Vergne, ist ein anderes: Sie erzählen von einem Künstler am Anfang seiner Karriere, dessen Fotografien, Collagen und Installationen eine, wie Vergne sagt, "seltene, fast naive und verstörende Qualität haben". Iles erinnert er an die Zeit, "bevor die Kunstwelt eine Industrie wurde. Als es noch normal war, dass Künstler exzentrisch, schwierig, besessen von ihrer Arbeit sind – und nicht bereit, kommerzielle Spiele mitzuspielen." Für Snows Vertraute ist es grausam, aber logisch, dass er an dem Schmerz, der sein Werk so echt, so ehrlich macht, zugrunde ging.

Dashiell A. Snow wird am 27. Juli 1981 in New York geboren. Sein Vater Chris Snow ist Musiker, seine Mutter Taya Thurman vor allem eine de Ménil. Dominique und John de Ménil, Dashs Urgroßeltern und Gründer einer Dynastie von Kunstmäzenen, kommen 1941 von Paris, Frankreich, nach Houston, Texas. Deutsche Truppen haben ihre Heimatstadt besetzt, John soll sich um die Amerika-Geschäfte des Schwiegervaters kümmern, der in der Ölindustrie ein Vermögen macht. Als Freunde das junge Paar warnen, die Stadt sei kulturelle Wüste, antwortet John: "Es ist die Wüste, in der Wunder passieren." Und lässt gemeinsam mit seiner Frau eines geschehen: Im März 1945 kaufen sie das erste Kunstwerk von Rang, ein Aquarell von Cézanne. Es folgen 15000 weitere, von der altsteinzeitlichen Schnitzarbeit bis zu einer Kapelle voller Rothkos, ihr gemeinsamer Nenner, wie der ehemalige Sammlungsdirektor Paul Winkler sagt, "die makellose minimalistische Ästhetik, die alles von John und Dominique auszeichnet". Für den Familienbungalow wird 1948 der Architekt Philip Johnson engagiert, auf der vom Modeschöpfer Charles James entworfenen Chaiselongue nehmen René Magritte und Roberto Rossellini Platz. "Das Haus war mir furchtbar peinlich", erinnert sich Christophe de Ménil, die Großmutter von Dash Snow, an den modernistischen Bungalow, der wie seine Bewohner, die gern auch schwarze Bürgerrechtler zu Tisch bitten, nie ganz in das Viertel mit den Prunkvillen passen will.

Die de Ménils zählen, wie Chrissie Iles, Kuratorin am New Yorker Whitney Museum of American Art, es ausdrückt, "zu den Familien, die der Welt Geschenke machen" – die Menil Collection in Houston, die seit 1987 besteht, ist eines davon, ein anderes die Dia Art Foundation, 1974 gegründet von Dominique und Johns jüngster Tochter Philippa und dem deutschen Galeristen Heiner Friedrich. Die Dia Art Foundation gilt weltweit als eine der einflussreichsten Institutionen für moderne Kunst.

Zwei Museen, Millionen für die Kunst, Kontakte in die großen Kultureinrichtungen – 1996 nennt Vanity Fair die Familie die "Texas-Medici". Dash Snow, ein de Ménil der vierten Generation, will nichts mit ihr zu tun haben.

"Er war von klein auf ein wilder Kerl", erinnert sich sein Großvater Tenzin Bob Thurman am Telefon. "Wenn man sich mit Dash unterhielt, wanderten seine Augen hin und her. In seinem Kopf ging so viel vor, dass er nie zur Ruhe kam." Die Familie investiert in alles, was einen Sohn von der schiefen Bahn auf den rechten Weg führen könnte: Snow besucht das Little Red School House in Greenwich Village, seit 1921 Vorreiter für progressive Lernmethoden. Statt, wie es die Schule wünscht, "nach akademischer Exzellenz in einer Umgebung voller Respekt für andere" zu streben, fällt er durch unentschuldigtes Fernbleiben und Marihuanakonsum auf. Die Mutter schickt den Teenager auf die Hidden Lake Academy, ein therapeutisches Internat, versteckt im Südosten der USA. Dash Snow wird von dort nicht mehr zu seiner Familie zurückkehren.

Viel von der Faszination für Snow fußt auf den Legenden, die um ihn entstehen – oft ohne, gelegentlich mit seinem Zutun. Kein Telefon besitzt er in seinen letzten Jahren, keine E-Mail-Adresse, die Klingel des Studios an der New Yorker Bowery hat er zerstört. Wer ihn treffen will, ob Galerist, Muse, Dealer, wirft Steine ans Fenster oder wartet, bis Snow die Liste der ihm wichtigen Nummern aus der Tasche kramt, ein Telefon ausleiht und wählt. Auch der Bruch mit der Familie wird Small-Talk-Thema. Tatsächlich ist er nur der Legende nach total, zumindest zu seiner Großmutter, zum Vater und zur Schwester besteht sporadischer Kontakt.