Am Nikolaustag des Jahres 1912 zur Mittagsstunde fand ein deutsches Grabungsteam einen, so das Protokoll, "fleischfarbenen Nacken mit aufgemalten Bändern". Der feingliedrige Nacken, der ein königliches Haupt trägt, ein Haupt mit einem Auge, zwei Grübchen am Mundwinkel und einem ungeheuerlichen Helm, gehört heute zu den meistbewunderten Schönheiten der Kunstgeschichte und ist das meistbewunderte Werk im Neuen Museum in Berlin. Doch gehört es auch dorthin und nicht nach Kairo?

Dieses Jahr ist ein Dokument aufgetaucht, das die Skeptiker bestärkt. Der Ägyptologe Ludwig Borchardt, so berichtet es ein Zeitzeuge, habe die Nofretete-Figur aus dem 14. Jahrhundert vor Christus nur mitnehmen können, weil er dem ägyptischen Inspektor, der die Ausfuhr genehmigen musste, vorab eine besonders unvorteilhafte Fotografie der Büste vorgelegt hatte. Auch sei sie bei der Prüfung bereits in einer Holzkiste verpackt gewesen, nur der Deckel stand offen. Der Inspektor hätte sie freilich herausnehmen können. Er tat es aber nicht, denn Borchardt hatte angegeben, es handle sich nur um eine Büste aus Gips – wohl wissend, dass sie einen steinernen Kern besaß. Freimütig spricht der Zeitzeuge von einer "Vermogelung des Materials". Das Schriftstück war eine gute Vorlage für Zahi Hawass, den Generalsekretär der ägyptischen Altertümerverwaltung, die Büste nach Ägypten zurückzufordern. Nofretete heißt übersetzt "Die Schöne ist gekommen". Wohin, das scheint für Hawass nicht geklärt.

Neben denen, die sagen, die wertvolle Nofretete sei illegal außer Landes geschmuggelt worden, gibt es andere, die behaupten, sie sei zwar nicht geschmuggelt, aber auch nicht wertvoll, weil ein Machwerk des 20. Jahrhunderts. Es könne nicht sein, dass eine Schöpfung, die so vollkommen dem Schönheitsideal des Jugendstils entspreche, aus dem alten Ägypten stamme. Manche behaupten sogar, die Frau des Grabungsleiters Borchardt habe Modell gestanden.

Doch stehen die Kritiker recht einsam da. Vor drei Jahren ist ein Team der Berliner Charité mithilfe einer Computertomografie in die Büste eingedrungen und hat das Porträt einer reifen Frau mit Falten und schlaffen Lidern entdeckt. Der Bildhauer schuf es wohl vom lebendigen Abbild, um es dann mit Gips zu retuschieren. Die Fältchen verschwanden bis auf ein paar Ausnahmen, die Nase wurde begradigt, das Kinn korrigiert. Die Büste hat übrigens das Atelier nie verlassen und ist ein reines Modell des Kopfes, den der Künstler hundertfach kopierte.

Immer wieder ließ sich Nofretete abbilden: als bescheidene Frau hinter Pharao Echnaton, als Mitregentin, sorgende Mutter oder weise Grande Dame. Auf einem Relief sieht man sie gar, wie sie einen Feind Ägyptens mit einem Knüppel vermöbelt. Historiker vermuten, dass sie im Verhältnis zu dem jüngeren Pharao ohnehin die Hosen anhatte. Sie habe dem Regenten nicht nur sechs Töchter, sondern vor allem eine Idee ins Nest gelegt, die ihren Nachruhm sowohl zerstörte als auch bewahrte.

Echnaton und Nofretete huldigten dem Gott Aton und einzig ihm. Damit schufen sie die früheste bekannte Form des Monotheismus, also eine Religion, die nur einen Gott kennt. Diesem bauten sie eine gigantische Kultstätte. Nebenbei stilisierten sich der Pharao und seine Frau zu den einzig berufenen Mittlerwesen zwischen Gott und den Menschen, was das gläubige Volk nicht nur seiner Götzen beraubte, sondern die professionelle Religionsführerschaft faktisch in die Arbeitslosigkeit schickte.

Die rächte sich nach dem Ableben des exzentrischen Paars und verbot, dass ihm gehuldigt wurde. Als der Bildhauer der Nofretete-Büste, Tuthmosis, die Stadt verließ, um mit Tutenchamun, dem Nachfolger Echnatons, nach Memphis zu ziehen, ließ er das Modell der Nofretete zurück, da er es nicht mehr brauchte. Hätte er es mitgenommen, es wäre mit Sicherheit verloren. Doch so stopfte er den Kopf der Geschmähten zusammen mit mehr als 50 weiteren Statuen in einen kleinen Küchenraum. Niemand dachte mehr an Nofretete. Bis 3300 Jahre später unter dem Schutt eines Künstlerateliers ein fleischfarbener Nacken zum Vorschein kam.